Das Gericht – Tarotkarte Nr 20 . Bedeutung

Manuel G | 13. April 2021

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Oberflächlich betrachtet sieht die Karte des Gerichts wie die christlichste Karte der Großen Arkana aus. Sie zeigt ein orthodoxes Bild der letzten Posaune auf, obwohl sie in Wirklichkeit erst die vorletzte Trumpf karte ist. Ein Engel, der manchmal als Michael oder Gabriel identifiziert wurde, blies auf seiner Posaune vom Himmel. Wenn dieser Posaunenstoß ertönte, erhoben sich die Toten aus ihren Gräbern, um sich der endgültigen Abrechnung vor Gott zu stellen. 20, die Nummer der Karte, stand für den Abschluß von zwei Dekaden. Oder aber war diese Botschaft nur ein subtiles Täuschungsmanöver aufgrund der numerischen Verbindung mit dem Narren (Trumpf Nr.O) und aufgrund der Tatsache, daß diese Karte nicht die endgültige Aussage des Tarots darstellte?

In der Tat, die Vorstellung vom letzten Gericht ist keine ursprünglich christliche. Sie ist eine der vielen Anleihen aus dem indoeuropäischen Heidentum und floß über essenische Bruderschaften, die persisch- mithraische apokalyptische Schriften kopierten, ins Christentum ein. Man kann diese Vorstellung von deren jüngsten Manifestation im christlichen Evangelium zurückverfolgen:

Jesus verkündete das Ende der Welt innerhalb der Generation seiner Zuhörer (Luk. 9,27; Matth. 24,34) und setzte sich mit dem mithraischen »Menschensohn« gleich, der diese gleiche Ankündigung schon Jahrhunderte früher gemacht hatte und dessen zweites Kommen schon im Jahre 70 v.Chr. im >Buch Henoch< beschrieben wurde. Jesus erklärte im Stil Henochs wie er »mit großartiger Macht und Herrlichkeit auf den Wolken« zurückkehre und wie er seine »Auserwählten von den vier Winden, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmel« versammeln würde (Mark. 13,26-27).

Bei den Juden tauchten diese Vorstellungen erstmals innerhalb der essenischen Gemeinschaften des ersten Jahrhunderts vor Christi auf. Die Essener übernahmen persische Überlieferungen des Menschensohnes (Mithra), dessen Lehre auf der zarathustrischen Vorstellung vom »Krieg der Söhne des Lichts mit den Söhnen der Finsternis« basierte; diese Idee diente auch als Vorlage für das biblische Armageddon. Aber die Bezeichnung »Sohn des Menschen« war weder essenischen noch persischen Ursprungs. Sie stammt ab von einem der ältesten arischen Phallusgötter, von Vishnu, dessen Gläubige ihn als Sohn des Menschen (Narayana) bezeichneten, um zu beweisen, daß er keine Mutter hatte. (Anm. d. Übers.: Narayana ist das indische Äquivalent zu den Elohim, den kreativen göttlichen Energien, die über den Urwassern schweben und periodisch das Leben und das Universum neu erschaffen.) In einer früheren Inkarnation als Mitra, dem vedischen Vorläufer Mithras, war er der Sohn der Sonnengöttin Aditi und einer der Geister, die »ihr Licht bei der Götterdämmerung (Weltuntergang) offenbaren«.

Der persische Mithra hatte keine Mutter; er war vom »Feuer des Himmels« gezeugt und aus einem Stein, dem petra genetrix, am 25. Dezember, dem Tag der Wintersonnwende nach der alten Zeitrechnung, geboren worden. Er wurde von Schäfern und Magi (den zara- thustrischen Priestern) verehrt. Er wurde als Licht der Welt und Sohn der Rechtschaffenheit bezeichnet. Er heilte die Kranken, trieb Dämonen aus, predigte und nahm an einem letzten Mahl mit seinen zwölf Jüngern teil. Er starb zum Ende des Winters und erstand wieder zum Frühlingsanfang. Seine Kirche hatte sieben Sakramente, mit einem Kreuz versehene Kommunionshostien und eine zölibatäre Priesterschaft. Nach der »Waschung im Blut« des mithraischen Stieres während des Tauroboliums (der Blutstaufe) wurden dessen Gläubige »in Ewigkeit wiedergeboren«. In Rom, wo Mithra in der Zeit des frühen Christentums offiziell als Beschützer des Weltreichs erklärt wurde, stellte dessen kultische Verehrung für das Christentum eine erfolgreiche Konkurrenz dar und diente auch als ein offensichtliches Modell zur Nachahmung.

Nach der Übernahme der ältesten indoeuropäischen Mythologien von der Götterdämmerung und dem Letzten Gericht erfuhren die mithraisch-essenisch-christlichen Darstellungen tiefgreifende Veränderungen. Sie trennten sich von der Vorstellung der immerwährenden zyklischen Zerstörung und Erneuerung. Sie wurden linear und statisch und verkündeten ein letztes Ende, dem nichts mehr folgte, außer der ewigen Glückseligkeit oder der ewigen Qual. Jetzt gab es keine neue Schöpfung mehr.

In den nordeuropäischen Ländern, die noch ungefähr tausend Jahre nach der Christianisierung der römischen Welt ihr Heidentum bewahrten, hielt sich eine reinere Form des ursprünglich indoeuropäischen Mythos. Nordische Priesterinnen verfaßten Schriften, die von besserer Qualität zeugen als die Offenbarung des Pseudo-Johannes (entsprechend des christlichen Brauchs jener Tage mit falschem Namen unterzeichnet) im Neuen Testament. Die Wöluspa (»Der Seherin

Gesicht«) spricht von der kommenden Katastrophe, der Schlacht am Ende der Zeiten, der Ausfahrt des Todesschiffes, dem Fallen der Sterne vom Himmel und der Zerstörung der Erde durch Feuer und Blut. Diese Götterdämmerung (Ragnarök) würde nicht durch einen Erzengel angekündigt, sondern vom Gott Rig-Heimdall, der auf seinem »klingenden Horn«, dem Gjallarhorn, den letzten Hornstoß erschallen lassen würde. Rig-Heimdall war aufgrund seiner drei aufeinanderfolgenden Vermählungen mit der Trinität von Mutter Erde (Edda, der Urgroßmutter), Amma (der Großmutter) und Modir (der Mutter) der Urvater der drei Geschlechter. Wie Skjöld, Merlin, Arthur und andere Helden wurde er von der neunfachen Meeresgöttin - die manchmal Mari, Morgan, Minne oder Maerin hieß - geboren worden, die ihn mit der neunten Welle an den Strand spülte. »Einer erstand in Urtagen, allgewaltig, aus Asenstamm; des Speers Gebieter gebaren neun Riesentöchter am Rand der Erde... Einer erstand vor allen mächtig, den einst stärkte der Erde Kraft, eiskalte See und Eberblut; den hehrsten Herrscher heißen sie ihn, sippenverwandt sämtlichem Volk.«

Rig-Heimdalls Götterrasse waren die Äsen, die Urform des Wortes >Asien<. Sein Name bedeutet »Sohn der Meeresmütter«; den gleichen Namen trägt der Dalai Lama. Der von ihm verkündete Jüngste Tag hieß Götterdämmerung: die Götter gehen in den Schatten ein; manchmal wurde dies auch irrtümlicherweise als »Zwielicht der Götter« übersetzt. Diese Interpretation war ungenau, denn der Schatten war kein unpersönliches Zwielicht, sondern eine Wesenheit, die die Götter verschlang: die Göttin Skadi - gotisch skadus, altenglisch sceadu, Schatten die Große Mutter in ihrem schwarzen, zerstörerischen Aspekt. Und hier findet man auch die Verbindung zur hinduistischen Mythologie. Skadi war keine andere als Kali, die Zerstörerin, die schwarze Göttin, welche die Universen in sich auf sog und alle Götter verschlang, wenn sie korrupt und gewaltätig wurden, ihre Macht mißbrauchten und den Menschen als Vorbild dienten, gleiches zu tun. Deswegen belegte sie die Göttin mit dem Todesfluch und ließ deren Universen in ihrer eigenen grenzenlosen Dunkelheit verschwinden.

Um es kurz zu machen: Skadi verfluchte die Welt (»Mutterfluch«) und gleichfalls die kriegerischen Götter, die ihr Gesetz mißachteten. Um diese zu zerstören, rief sie alle bösen Geister aus ihrer Urheimat, »dem heißen Land des Südens« herbei, das die Wikinger Muspellheim (»Feuerwelt«) nannten.

Diese alten Glaubensvorstellungen, die während der frühesten arischen Völkerwanderungen im gesamten eurasischen Kontinent vom Südosten bis zum Nordwesten Fuß faßten, beweisen, daß die Idee vom

Weltuntergang älter war als der Mithraismus oder das Christentum. Der Glaube war Teil der Wurzelreligion der schwarzen Kali, deren Fluch im Kali Yuga, dem letzten Zeitalter, die Götter und Menschen traf, weil diese ihre Gebote der Liebe, des Friedens und der Einheit mißachteten. Stattdessen bekämpften sie sich gegenseitig, verletzten den Zusammenhalt der Familien und Stämme, tyrannisierten Frauen und Kinder, logen, stahlen und töteten. Nach der traditionellen Vorstellung würde das Ende der Welt kommen, weil die zornige Mutter es nicht länger hinnehmen würde, ein Universum für diese Übeltäter aufrechtzuerhal- ten. Und so verschlang sie alles, was sie einstmals geschaffen hatte: »So wie weiß, gelb und andere Farben in der schwarzen Farbe verschwinden, so gehen alle Wesen in Kali ein.« Die Hinduweisen sagten, daß Kali nach der Auflösung aller Dinge ihren »dunklen und formlosen« Zustand beibehalten und allein »als unsagbar erhaben und unfaßbar« bleiben werde, bis sie zur rechten Zeit das Urwort >Om< aussprechen und eine neue Schöpfung hervorbringen werde.

So war also der Tarotengel des Letzten Gerichts wahrscheinlich weder Michael noch Gabriel, sondern Rig-Heimdall bzw. dessen tantrisches Ebenbild, welcher die Zerstörung der ganzen Welt ankündigte und nur die Erwählten der Mutter verschonte: jene Samen der nächsten Schöpfung, die auf Manus Arche errettet würden. Im Tarot nähern sich die Erretteten dem echten >letzten< Trumpf (Nr.21), der nackten Göttin, und dieser stehen sie »von Angesicht zu Angesicht« gegenüber. Dies war sicherlich eine entschieden unchristliche letzte Offenbarung, und der Platz des letzten Trumpfes in der Großen Arkana impliziert eine weiblich ausgerichtete, zyklische Kosmologie. Aus diesem Grund bedeutete die Karte >Das Gericht< kein Gottesgericht über die Menschen, sondern das Gericht der Mutter über die Götter.

Der 20. Trumpf wurde auch als Karte des erneuerten Selbst bezeichnet, aber nicht im christlichen Sinne der fleischlichen Wiederauferstehung, sondern im Sinne eines neu entdeckten Wesens in dem jetzigen physischen Körper. Dieses neue Wesen war wiederum fähig, die letztendliche Lehre der Großen Arkana zu verstehen: keine Lehre über den Himmel, sondern eine Lehre, die den sehr weltlichen Namen >Die Welt< trug.

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