Der Einsiedler – Tarotkarte Nr 9 . Bedeutung

Manuel G | 13. April 2021

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Nach der tantrischen Tradition sollte dem weltlichen Leben der Ehe und des Alltags (grihastba) zum Ausgleich ein Leben der Zurückgezogenheit und Meditation (vanaprastha) folgen.1Während dieser Zeit mußte sich der Weise mit dem unabwendbaren Tod auseinandersetzen und mit den Geistern in Berührung kommen, die seine Seele auf ihrer letzten Reise begleiten würden.

Die griechischen Orphiker lehrten das gleiche. Aus ihrem »kleinen Hermes« entstand das Wort Eremit (engl. hermit\ denn Hermes war der Geist, der den menschlichen Seelen ihre passende Ruhestätte zu wies. Diejenigen, die ordnungsgemäß unterrichtet waren und über die rechten Mysterien meditiert hatten, konnten selbst ein Gott werden und wurden von Persephone zu den »Sitzen der Geweihten« willkommen geheißen. Die Christen hatten fast dieselbe Vorstellung über den direkten Weg des heiligen Eremiten in den Himmel, auch wenn sie den von Persephone angebotenen Himmelssitz durch »einen Sitz zur Rechten Gottes« ersetzt hatten.

Der Tarot-Einsiedler scheint immer eine Reise zu beginnen, aber in entgegengesetzter Richtung wie der Narr. Wie Hermes trägt er einen Stab, der manchmal die Form des hermetischen Merkurstabs (caduceus) hatte. Häufig wird er auch von der hermetischen Schlange angeführt.An neunter Stelle in der großen Arkana - die entscheidende Zahl der Musen, welche die Inspiration verliehen - scheint der Eremit dazu bereit, die zweite, lunare Sphäre, die innere Welt des Unbewußten und Mystischen zu betreten. Seine entsprechende Karte im Unendlichkeitszeichen, die Göttin der Stärke (Trumpf Nr.ll), stand für die innere Stärke des einsamen Suchers nach seiner eigenen I-dea (Idee), wörtlich die »innere Göttin«, ein klassischer Begriff für die Shakti.

Es war schon immer ein Brauch von Sehern, Weisen, Schamanen, Erlösern, Magis (zarathustrische Priester), Propheten und anderen heiligen Männern, einige Zeit in der Einsamkeit zu verbringen, vorzugsweise in der Wildnis (oder Wüste), häufig auch in einer Höhle, welche den Schoß der spirituellen Wiedergeburt symbolisiert. »Im religiösen und mythischen Symbolismus gibt es unzählige Bilder für die Introversion: Sterben, nach unten gehen, unterirdische Grüften, Kellergewölbe, dunkle Tempel, die Unterwelt, die Hölle, das Meer usw.; von einem Monster oder einem Fisch verschlungen zu werden (wie der Prophet Jonah), in der Wüste bleiben usw.«4 C.G. Jung bemerkte, daß es viele gute psychologische Gründe für eine solche Isolation und Introversion gäbe. Es »ergibt sich in der Regel eine Belebung der psychischen Atmosphäre als Ersatz für den Verlust des Kontaktes mit anderen Menschen. Sie (die Einsamkeit) bewirkt eine Aktivierung des Unbewußten.«

Sogar in den christlichen Evangelien wird von einer Zeit der asketischen Isolation sowohl für Johannes den Täufer als auch für Jesus gesprochen - beide gehörten, so glauben die Historiker, zu der Essener-Gemeinschaft. Längere Meditation war eine Einweihungsregel bei den Essenern.

Östliche Yogis übten sich darin, körperliche Anstrengungen wie Hunger, Durst, Unbeweglichkeit oder sogar Verstümmelungen zu ertragen, um die körperlichen Triebe zu überwinden und die innere Wachheit zu fördern. Sie benutzten häufig Atemtechniken, wie es sich immer noch in dem Wort Inspiration, wörtlich »den Geist einatmen«, ausdrückt. Den Geist Gottes im Inneren zu haben hieß bei den Griechen enthousiasmos (Begeisterung), was ein ekstatischer Zustand war. Nachdem die Kirche behauptete, daß alle alten Götter, die Enthusiasmus bewirkten, Dämonen seien, wurde die Inspiration als dämonische Besessenheit verteufelt. Gruppenenthusiasmus war aber dennoch bis in unser Jahrhundert bei den >Shakern<, bei ekstatischen Gottesdiensten im Freien oder bei Voodoo-Ritualen verbreitet.

Der Tarot-Einsiedler wurde häufig mit Diogenes gleichgesetzt, einem berühmten griechischen Weisen, der in einem großen irdenen Krug am Tor des Tempels der Großen Mutter lebte. Mit seiner Laterne, sagte man, suche Diogenes fortwährend nach einem ehrlichen Mann. Der wahre Grund seiner geistigen Suche wird recht selten in der Legende erwähnt. Seine Anhänger, die Kyniker («Zyniker«), lehrten, daß das Ende der Welt kommen werde, wenn es unter den Lebenden keinen ehrlichen Menschen mehr gäbe. Solange es noch einen ehrlichen Menschen gibt, könne der Weltuntergang verschoben werden. Es gibt Anzeichen dafür, daß die Essener ähnliches lehrten.

In Griechenland haben die »Eremiten« des Hermes angeblich rituelle Masturbation praktiziert, die von Hermes erdacht wurde als eine weitere Technik der Selbst-Kontemplation auf der Suche nach dem Gott im Selbst. Auch in Indien wurden Krishna, als Gott der Selbst-Liebe, viele autoerotischen Praktiken zugeschrieben. Heiden und Orientalen glaubten, die Masturbation reinige den Körper - ganz im Gegensatz zur christlichen Ansicht, die besagt, sie sei eine Sünde und eine >Verunreinigung^ Dementsprechend interpretierten einige Gelehrte den hermetischen Merkurstab als ein phallisches Symbol für Masturbation - jene fast unumgängliche Gewohnheit eines jeden einsamen Mannes - und diese Bedeutung wurde auch dem Tarot- Einsiedler gegeben.

Zuweilen sollte die Autoerotik eines Heiligen die geweihte Vermählung mit seiner geistigen Frau oder Shakti darstellen: eine sexuelle Vereinigung mit seiner eigenen Seele oder mit seiner Göttin. Ein im allgemeinen vorgetragener Grund für das enthaltsame Leben eines Weisen war, daß wenn er die Liebe zur Göttin erfahren habe, er unfähig war, die geringen Reize gewöhnlicher Frauen zu genießen.

Diese Meinung wurde im Christentum wiederholt. Die Mönche gaben vor, zum Bräutigam der Jungfrau Maria zu werden, indem sie ihrem Abbild einen Ehering ansteckten. So wie der zyprische Priester Pygmalion sich mit der Statue der Aphrodite-Galatea vermählte, vereinigten sich bis ins späte fünfzehnte Jahrhundert die bretonischen schwarzen Bettelmönche mit der Königin des Himmels. Bruder Alain de la Roche beschrieb seine eigene Vermählung mit Maria. Vor einer Schar »Engel« überreichte sie ihm einen Ring, der aus ihrem eigenen Haar gemacht war.

Christliche Asketinnen wurden zu »Bräuten Christi« stilisiert; die Nonnen imitierten dabei die römischen vestalischen Jungfrauen, die amatae, d.h. Geliebte des männlichen Geistes Roms waren, der sich im priapischen Palladium verkörperte. Auf viele verschiedene Weisen waren Sexualität und Spiritualität schon immer viel enger miteinander verknüpft, als es die patriarchalischen Religionen zugeben wollten. Wenn sie die Aussagen der Nonnen hörten, die Vorgaben, mit Christus Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, erklärten die Priester manchmal widerspruchsvoll, diese Frauen wären vom Teufel besessen. Im Vergleich mit der kirchlichen Lehre jedoch war das Vorerwähnte durchaus logisch.

Die geistigen Frauen der tantrischen Yogis kamen aus den Reihen der Dakinis des Zwischenzustandes. Diese Todesengel konnten wunderschöne Feen sein, die ihre Liebhaber sanft zum himmlischen Segen führten; oder aber sie waren furchterregende, gierige Sukkuben (»weibliche Buhlteufel«). Das tantrische Bardo Thodol (»Tibetisches Totenbuch«) stellt erleuchtet fest, daß alle Geister der Todeswelt Projektionen des eigenen Denkens sind:

»Möge ich erkennen, daß alles, was vor mir erscheint, meine eigenen

Gedankenformationen sind,

Möge ich wissen, sie als Erscheinungen des Zwischenzustands zu erkennen... Fürchte nicht die Scharen der Friedvollen und Rachsüchtigen, sie sind deine eigenen Gedankenformationen.«

Wenn der Eremit in die niedere Welt des Unbewußten einzutauchen begann, dann konnte er sicher sein, vielen seiner eigenen Gedankenfor- mationen zu begegnen, auch wenn sich diese hinter einem konventio- nalisierten Symbolismus verbargen. Die Tarotsymbole mit ihrer Möglichkeit der freien Interpretation ließen jedem einzelnen genügend Spielraum für jene vor-verbale, mythographische Sprache, die eigenständige Erklärungsmuster zuließ. So wie durch die Kontemplation in der Wüste oder Einsiedelei konnte man auch durch die gezielte Kontemplation über das Tarot zu neuen Einsichten gelangen.

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