Der Gehängte – Tarotkarte Nr 12 . Bedeutung

Manuel G | 13. April 2021

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Der Gehängte wurde als eindeutiger Hinweis darauf erkannt, daß das Tarot aus nicht-christlichen Quellen stammt und dessen Symbolik unzweifelhaft heidnischen Ursprungs ist. Seine türförmigen Galgengestelle waren typisch für die alten Opferriten Odins, dem Gott der Gehängten. Solche Galgen wurden manchmal als >hölzernes Pferd< oder als >Pferd Yggrs< bezeichnet - Odin selbst wurde auch Yggr, der Schreckliche genannt, was in der späteren christlichen Terminologie zu ogre wurde.

Die Odinsage lehrte den Menschen, daß sie die mystische Erleuchtung durch ein zum Tode und danach zur Auferstehung führendem Selbstopfer erlangen müssen. Odin lernte die Geheimnisse des Schicksals, der Magie, der Runen, des Wortzaubers und der dichterischen Inspiration, indem er sich selbst dem Tod durch den Galgen hingab. »Neun Nächte hing ich an dem zugigen Baum; ich war durch einen Speer verwundet und Odin geopfert, ich selbst für mich selbst.«

Bis ins zehnte Jahrhundert n.Chr. wurden noch reale Odinopfer an dessen heiliger Stätte in Uppsala dargebracht. Die symbolische Version dieser Opfer hielt sich noch bis ins darauffolgende Jahrhundert. Vielleicht steht Odins Aussage in der Edda über die magische zwölfte Rune mit dem Sinngehalt des zwölften Trumpfes in Beziehung: die zwölfte Rune konnte einen Gehängten veranlassen, vom Galgen aus zu sprechen und alle an ihn gestellten Fragen zu beantworten/

Diese besondere Form eines universellen Mythos vom sterbenden Gott gründete, wie die aller anderen auch, auf dem Glauben, daß ein Mensch, der zwischen dem Tod und dem Leben schwebte, beide Welten gleichzeitig sehen und die Geheimnisse der Ewigkeit enthüllen konnte. Basierend auf diesem Glauben wurden Figuren von Gehängten zu beliebtem Beiwerk für Hexenzauber und andere Zaubertricks zum Erlangen von »Worten der Machte Die berühmte »leuchtende Hand< oder »Teufelskerze< sollte die in Wachs getauchte Hand eines Gehängten darstellen; das Licht von dieser Kerze sollte die »verborgenen Dinge« enthüllen. Galgenerde, Galgenholz, die Knochen, das Fleisch oder die Kleidungsstücke einer gehängten Person konnten leicht aufgefunden

werden in einer Zeit, in der es üblich war, diese Leichname als eine Warnung für andere Übeltäter auf dem Galgen verfaulen zu lassen.

Doch der Gehängte des Tarot war kein normaler Verbrecher. Er sollte vielleicht eher als hängender Mensch< statt als ein >Gehängter< bezeichnet werden. Denn er starb nie. Er war am Fuß anstatt am Hals auf gehängt, und dies führte nicht den Tod herbei. Seine Augen waren weit geöffnet, und auf seinem Gesicht war ein Ausdruck sorgenfreier Heiterkeit. Manchmal trug er auch einen Heiligenschein. Er mußte sich anscheinend einer Prüfung unterziehen, die aber nicht tödlich enden würde, trotz der unbequemen Situation, in der er sich befand.

Mit nur einem Fuß am Galgen zu hängen war ein als >Verspottung< bekannter mittelalterlicher Brauch. Wie eine vorübergehende Gefangenschaft im Kerker war das Verspotten eine Art öffentliche Demütigung für Schuldner und manchmal auch für jene des Landesverrats Beschuldigten vor ihrer Hinrichtung. Die Stellung des Gehängten verband ihn mit den alten Traditionen der rituellen Demütigung eines heiligen Königs vor dessen Opfertod - so wie auch Jesus gegeißelt, verspottet und angspuckt wurde (Matth. 26,27 u. 27,30). Rituelle Demütigung ist ein wichtiger Aspekt der meisten Initiationsrituale; das gleiche gilt für Männerbünde - seien diese nun im Dschungel oder innerhalb der heutigen Universitäten zu finden. Aber die Position des Gehängten bedeutete dennoch mehr als nur eine Demütigung.

Die weibliche Gestalt auf der Karte >Die Wdt< (Trumpf Nr.21) nimmt die gleiche Beinhaltung ein - das eine Bein hinter dem Knie des anderen Beines angewinkelt, wodurch die Beine ein Dreieck bilden - nur hängt (oder steht) sie hier aufrecht, während der Gehängte sich in umgekehrter Stellung befindet. Diese sich ergänzenden Haltungen könnten eine Anlehnung an das tantrische Hexagramm darstellen: ein männliches Dreieck in die eine Richtung und ein weibliches Dreieck in die andere Richtung. Die ägyptische Hieroglyphe einer Stockfigur ist noch beredsamer: die Beine dieser Figur sind genau wie ein Hexagramm gezeichnet. Als Verb bedeutete diese Hieroglyphe »tanzen«. Als Substantiv bedeutete sie ab oder »Herz-Seele«, die wichtigste der sieben Seelen der ägyptischen Spiritualität; es war die Seele, die mit dem Mutterblut gegeben und die auf den Waagschalen der Unterwelt-Maat gewogen wurde. Sicher ist es kein Zufall, daß die numerische Entsprechung des Gehängten im Unendlichkeitsmuster Maat, die Gerechtigkeit mit ihrer Waage, war.

Wie andere Völker betrachteten auch die Ägypter das Herz als den Ort der wahren Essenz des Menschen. Der Herzschlag war der »Tanz des Lebens« innerhalb des Körpers. Als Osiris während seines

Mumienzustandes tot darniederlag, wurde er als >das stille Herz< bezeichnet. Als Isis ihn wieder ins Leben zurückholte, begann sein innerer >Tanz< aufs Neue.

Diese Vorstellungen waren aber älter als die ägyptische Kultur. Indiens ältester Gott Shiva tanzte fortwährend den Tanz des Lebens in Chidambaram, dem Zentrum des Universums, jenem mystischen Ort in der Herzkammer, »wo das Wahre Selbst lebt.« Sein tanzender Geist konnte in der Brust eines jeden Verehrers gefühlt werden, und seine Weltseele verweilte im Herzen der Weltmutter. Auch er war ein Opfergott, der zu bestimmten Zeiten starb und wieder auferstand. In seiner inaktiven Phase war er Shava, der Leichnam, oder der >Herr des Todes<, so wie Osiris in diesem Zustand das >stille Herz< war.

Auch andere Götter beanspruchten den Titel eines Tänzers im kosmischen Herzen. Was Sylvia Plath mit wirklich poetischer Einsicht als den prahlenden Stolz des Herzens bezeichnete - »Ich bin, Ich bin, Ich bin« - war der Stolz eines Brahma und anderer orientalischer Götter, die später Anspruch auf die himmlische Herrschaft erhoben. Brahma stellt sich in den Vedas mit dem Satz »Ich bin« dar. Auch der Gott Abrahams in der Bibel stellt sich mit dem Satz »Ich bin« vor (2.Moses 3,14). Für viele biblische Geschichten, so wie auch für die letztere, standen vedische Quellen Pate und Abraham bedeutete in diesem Zusammenhang wohl auch »Vater Brahm«. In jedem Falle sagte die tanzende Gottheit im Herzen jedes östlichen Weisen »Ich bin«. Jedes menschliche Wesen - sogar im Mutterschoß vor der Geburt - kann diese Worte hören, denn es ist nachgewiesen, daß sogar ein Fötus fortwährend auf den Herzschlag der Mutter hört; somit ist er die Grundlage für alle sich daraus entwickelnden künstlerischen Ausdrucksformen des Tanzes, des Gesanges und der Musik.

Selbst Jesus stellt sich nach den Johannesakten (ein apokrypher Text) als Tänzer im Herzen dar. Jesus sagte zu seinen Jüngern: »Zum Universum gehört der Tänzer. Wer nicht tanzt, weiß nicht, was geschieht... Schließe dich meinem Reigenchore an und schaue dich in mir, dem Redenden; und hast du gesehen, was ich vollziehe, so verschweige meine Mysterien. Wenn du tanzest, so merke auf, was ich tue. Denn es ist dein Leid, das Menschenleid, das ich leiden will! Christliche Mystiker gaben der Göttlichkeit Jesu sehr geheimnisvolle, weiblich klingende Symbolnamen wie: »Der Mond, der im Herzen wohnt«, oder »Der Tempel, in dem das Leben der Welt verweilt«, oder »Brautgemach«.

So wie auch andere Erlösergestalten erfuhr der Gehängte offensichtlich eine Art Martyrium, das darauf abzielte, ihn zu vergöttlichen oder ihn mit dem Herrn des Todes (Trumpf Nr.13) in Berührung zu bringen. Das heißt, er >starb<, um die Göttlichkeit in seinem eigenen Herzen zu entdecken. Sich einer Demütigung auszusetzen, ist ein geeignetes Mittel dafür. Auch wenn die >Verspottung« normalerweise eine unehrenhafte Form der Bestrafung war (wie die Kreuzigung), so scheinen Geheimgesellschaften diese doch als einen Schritt auf die mystische Einweihung hin benutzt zu haben. Eine Person, die längere Zeit nach unten hängt, wird sich des eigenen Herzschlags intensiv bewußt, denn das Herz schlägt ununterbrochen das »Ich bin, Ich bin, Ich bin«, was sich durch den Puls im Kopf des Hängenden fortsetzt.

Dies war der Ton, den die östlichen Mystiker bei ihrem Erweckungsprozeß so hoch priesen. Sie sagten: »Der Ton (nada) steht für den Zustand der Macht. Der tief in sich selbst eindringende Yogi erfährt ihn. Er manifestiert sich im Herzschlag. Und da der Mikrokosmos mit dem Makrokosmos letztendlich identisch ist, hört der Yogi den Herzschlag des Absoluten, wenn er Nada, diesen Ton der Macht, vernimmt.«

Das Symbol des tanzenden Gottes im Herzen offenbart einen entscheidenden Unterschied zwischen den östlichen, gnostischen und heidnischen Religionen und dem Christentum. Das Christentum bestand darauf, daß Gott und Mensch nicht miteinander verwechselt werden durften. Der Schöpfer und seine Schöpfung wurden als separate Einheiten angesehen, eine war erfüllt von Macht und Güte, die andere war schwach und mit Sünde behaftet. Im Gegensatz zum jüdischchristlichen Glauben setzten die subtileren östlichen Theologien stillschweigend voraus, daß der Mensch der Schöpfer und Gott die Schöpfung war; denn das Wesen des Göttlichen konnte nur im eigenen Selbst gefunden werden. Demzufolge gab es keine äußere Gottheit, sondern nur mythische Projektionen menschlicher Wunschvorstellungen, die solange Gültigkeit besaßen, wie die Menschen ihnen Raum gewährten.

Darin bestand vielleicht das ketzerische Geheimnis des Gehängten während seines lächerlich anmutenden Martyriums: er lauschte seinem eigenen Herzen, erwarb den Heiligenschein und wartete auf das nächste Bild: den Tod.

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