Der Herrscher – Tarotkarte Nr 4 . Bedeutung

Manuel G | 13. April 2021

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Einige der herausragenden Symbole des Herrschers waren: 1. er zeigte nur sein linkes Profil, 2. er hatte das eine Bein über das andere gekreuzt, 3. sein Wappenschild trug eine Adler, wie das der Herrscherin, 4. er hielt ein Szepter in seiner rechten und eine Kugel in seiner linken Hand.

Das Szepter und die Kugel waren uralte männliche und weibliche Sexualsymbole. Die alten Könige zeigten diese Symbole, um die Einheit der männlichen und weiblichen heiligen Prinzipien in ihrer eigenen Person darzustellen, und sie imitierten dabei die Art, in der sich orientalische Götter mit den verschiedenen Aspekten der Großen Göttin vereinigten, um einen kosmischen Androgyn zu bilden, dessen rechte Körperhälte männlich und die linke weiblich war. Aus diesem Grunde trug der König das Szepter in der rechten Hand, um seine eigene phallische Kraft zu demonstrieren; die Kugel war immer in seiner linken Hand als ein Zeichen seiner göttlichen Gemahlin, der Mutter Erde.

In der Rrhadaranyaka-Upanischad wird vom kosmischen Androgyn gesagt, »er sei von gleicher Größe und Art eines Mannes und einer Frau, die sich innig umarmen«, aber andere Schriften und Abbilder zeichnen einen bisexuellen Körper. Die griechischen Eros, Phanes und Hermaphrodit waren ähnlich bisexuelle Wesen, deren wirkliche Macht in ihren weiblichen Attributen lag. In den mithraischen Mysterien - deren Lehren die Gnostiker stark beeinflußten - wurde das Herrschaftsrecht durch des Herrschers Göttin unter ihrem Ehrennamen >Glorie< (Herrlichkeit) verkörpert. Antiochos von Kommagene deklarierte sich dementsprechend als Herrscher auf der Grundlage, daß seine Göttin Teil seiner selbst war. Vielleicht aus dem gleichen Grund zeigt der Tarot-Herrscher sein linkes >weibliches< Profil, als er seine Herrscherin anblickte.

Die überall gegenwärtige Symbolik von links = weiblich, rechts = männlich entwickelte sich vor sehr langer Zeit in Südostasien. Shiva- Verehrer sagten von ihrem Gott, er folge dem Pfad der linken Hand (vamacara), bekannt als »der Pfad der Göttin«. Auch in Ägypten war die linke Hand weiblich und repräsentierte die Göttin Maat. Die rechte

Seite stand für ihren Gemahl Thoth. Die Babylonier beteten, die Göttin möge auf ihrer linken Seite stehen und der Gott auf ihrer rechten. Die griechischen Bewohner der Peloponnes ließen sich ein weibliches Zeichen auf die linke Schulter und ein männliches Zeichen auf die rechte Schulter tätowieren. Sogar in der jüdischen Tradition wird gesagt, die linke Hand Gottes sei weiblich. Die universell gültige Gebetsgeste ist bis heute das Zusammenlegen beider Hände - ursprünglich ein Zeichen der sexuellen Kommunion - das die männliche und weibliche Kraft verbindet, so wie sich auch die männlichen und weiblichen Körper von Angesicht zu Angesicht vereinigen. Die frühen Christen verbreiteten jedoch die Meinung, daß die weibliche Hand nicht wissen soll, was die männliche Hand tue (Matth. 6,3: »Laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut...«).

Erst in jüngster Zeit wurde entdeckt, daß diese alten Vorstellungen eine gute Grundlage haben. Die linke Körperhälfte wird anscheinend hauptsächlich von der rechten Gehirnhälte bestimmt, der die traditionell weiblichen Qualitäten wie Intuition, Vorstellungsvermögen, gefühlsmäßige Einsicht, feinere Wahrnehmung und Verständnis zugesprochen werden. Dagegen scheint die rechte Körperhälfte von der anderen Gehirnhälfte des beurteilenden und abstrakten Denkens bestimmt zu sein, was gewöhnlich als bewußt und männlich bezeichnet wird. Selbstverständlich kann kein Mensch, sei er nun weiblich oder männlich, nur auf die eine oder andere Weise charakterisiert werden; beide Gehirnhälften arbeiten immer zusammen, so daß die heutige Vorstellung von der linken und rechten Seite einer Person vielleicht genauso vereinfachend sind wie die uralten.

Aber während der christlichen Ara wurde alles, was mit der linken Seite in Zusammenhang stand, verpönt. Dies spiegelt sich wider in den Worten für >links<, dem Lateinischen sinister, dem Französischen gauche, dem Deutschen links oder link, die alle die zusätzliche Bedeutung von schlecht, falsch oder abwegig haben. Die Hexen tanzten gegen den Uhrzeigersinn nach links; sie formten mit der linken Hand magische Zeichen und sie trampelten laut ihrer Inquisitoren mit dem linken Fuß auf dem Kreuz. Die Hexen kümmerten sich nicht um den männlichen Rechtshandweg der Sonne und folgten der Linksbewegung des Mondes am Himmel.

Das Szepter in der rechten Hand des Herrschers gründete sich auf Shivas Blitzphallus, der auch den Stab, die Rute oder die Keule im Tarot beeinflußte. Ursprünglich hatte das aufrecht gehaltene Szepter Shivas drei Zacken; dies stellte einen dreifachen Phallus dar, um sich mit der Dreifachen Göttin zu vereinigen. Shiva als ein sexueller Gott wurde

deshalb als der »Dreizackträger« bekannt.

Westliche Phallus-Götter wie Jupiter, Neptun, Hades, Poseidon, Pluto und Luzifer, der Gott des Blitzes im Neuen Testament, trugen den gleichen Dreizack. Auch der Tarot-Herrscher offenbart seine Potenz durch ein dreizackiges Szepter bzw. eine fleur-de-lis, manchmal auch als fleur de luce bezeichnet, die »Blume des Lichtes«, welche die königliche Vermählung, den Blitz und das männliche Feuerelement darstellen sollte. Mantegna-Karten zeigten den Herrscher als Jupiter, dessen ganze Gestalt innerhalb eines mandorla gesetzt wurde; dies ist ein zweispitziges ovales Bild der Yoni, welches den frühesten Namen der Gemahlin Jupiters trägt, nämlich Juno oder Uni, Mutter des Uni-versums.

Während des Christentums wurde der Dreizack vom Teufel übernommen. Luzifer konnte angeblich in seiner Funktion als »Fürst der Mächte der Luft« den Blitz beherrschen. Luzifers Blitzstrahl zeigt sich deutlich in der zum Herrscher gehörenden Karte des spirituellen Bereiches, dem >Haus Gottes< oder >Der Turm< (Trumpf Nr.16). Wenn diese Karte eine Prophezeiung des endgültigen Schicksals des Herrschers enthielt, deren Spuren sich bis ins 14.Jahrhundert zurückverfolgen lassen, dann mag diese Karte vor dem ausuferndem Stolz aufgrund einer hohen Positi on in der vergänglichen Welt gewarnt haben.10 Dies war ein verbreitetes Thema sowohl im Tarot als auch im ganzen Gnostizismus.

Der Adler auf dem Wappen des Herrschers stand sowohl für sein Leben und seinen Tod; dies war in Übereinstimmung mit der Tradition der römischen Imperatoren (Cäsaren), deren Totem und Titel von den Herrschern (Kaiser) des »Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation< übernommen wurden. Wenn ein toter Cäsar verbrannt wurde, ließ man über der Verbrennungsstätte einen Adler fliegen. Dieser sollte die kaiserliche Seite versinnbildlichen, die zum Himmel aufflog, um sich mit seinen himmlischen Brüdern, den Göttern, zu verbinden. 1Solch eine herrschaftliche Apotheose stand Pate für das christliche Heiligsprechungszeremoniell, bei dem eine weiße Taube freigesetzt wurde, um die heiliggesprochene Seele zu den Engeln im Himmel zu tragen.

Der Adler, als Totem für den männlichen Geist, wurde mit dem Feuer, dem Blitz und der Sonne in Verbindung gebracht. Er war der Vogel Jupiters, der in den Herrschern verkörpert wurde. Das entsprechende Herrschaftszeichen in Ägypten war der Horus-Falke, ein reinkarnierter Geist Osiris<. Einige alte Tarotkarten zeigten diesen Falken auf der Karte des Herrschers und einer seiner Namen darauf lautete Osiris. Die Symbole des Blitzstrahls und des Vogels zusammen mit dem Herrscher verbanden ihn mit den traditionell männlichen Elementen des Feuers und der Luft, während die fruchtbare Erde und der Wasserfall der Göttin diese ebenfalls eindeutig mit den traditionell weiblichen Elementen der Erde und des Wassers verbanden. Hier und an vielen anderen Punkten zeigt sich, daß die stoizistische Lehre der paarweisen Elemente des Tarot durchdrang.

Die gekreuzten Beine des Herrschers stellen ein weiteres Zeichen Jupiters dar, den älteren Himmelsvater, der mit der Mutter Erde vermählt ist. Jupiters Zeichen war der hermetischen Zahl 4 ähnlich: die Zahl der Karte des Herrschers. Man fand heraus, daß diese Karte als Zeichen des Kreuzes auf den Köpfen und Oberkörpern der Hermesverehrern stand, bevor es von den Christen übernommen wurde, die vorgaben, es beziehe sich auf das Kreuz Christi. Seit mehreren Jahrhunderten wurde diese Zahl aber bereits mit dem hermetischen Kreuz und in Nordeuropa mit dem Kreuz des Wotan in Verbindung gebracht.

Die gekreuzten Beine des Herrschers erinnern auch an die mithrai- schen Fackelträger des Sonnengottes: der Sohn des Morgens (Cautopa- tes) mit den in eine Richtung gekreuzten Beinen, der Sohn des Abends (Cautes) mit den in die andere Richtung gekreuzten Beinen.14 Die gekreuzten Beine waren als Symbol des Kreuzes Bestandteil der Tarotsymbolik und wiederholten sich auf der Karte >Der Gehängtes der seinem Tod entgegensieht und wiederum auf der Karte >Die Weits die als Dame des Lebens oder der Reinkarnation erscheint.

Die Verbindung des Herrschers mit den Karten der zyklischen Zerstörung und der Wiedergeburt deuten auf eine neubelebte gno- stische Überzeugung hin: materieller Erfolg und Stolz enden im Sinne der karmischen Vergeltung im Niedergang. Der inthronisierte Herrscher war in seiner ganzen Pracht ein Gott, der mit der Herrscherin vermählt war, die sein Adlerwappen umarmte und ihn zum Haushälter seines Landes machte. Aber es gab auch Anzeichen dafür, daß seine Macht einmal vergehen und sein Ruhm enden würde. So wie der Gehängte würde er der Vernichtung preisgegeben werden. Einige Tarotblätter zeigen den Herrscher vor der Aussicht auf verödete Berge sitzen. Eine Schar Aaskrähen deutet auf sein unabdingbares Ende hin. Dasselbe geschieht auf seiner entsprechenden Karte, dem vom Blitzstrahl getroffenen phallischen Turm, der das »Haus Gottes« genannt wird (Trumpf Nr. 16). Manchmal war der »stolze Turm« ein Synonym für das Heilige Römische Reich.

Eine andere Bezeichnung für den Herrscher war »Wächter des Heiligen Grals<. Dies bezog sich auf den Fischerkönig des Gralszyklus, dem Wolfram von Eschenbach den Namen Anfortas gab. Zu Beginn war Amor (Liebe) der Schlachtruf des Königs. Während der Auseinandersetzungen zwischen dem Christentum und dem heidnischen Glauben wurde er entmannt, und Amor war nicht mehr länger sein Führer. Wie der Rest der übrigen Welt wartete er nunmehr auf den Wunschritter, der ihm die Erlösung bringen sollte. Und wer war der Wunschritter? Nach den frühesten Ausgaben des Gralsmythos wäre es der Initiand selbst gewesen: Peredur bzw. Parzival, der seine mystische Reise als Narr begann und nach vielen Prüfungen und Gefahren die Welt gewann.

So wie die Herrscherin wurde auch der Herrscher im nachrevolutionären Frankreich seines kaiserlichen Titels beraubt und in Großvater umbenannt. Aber er bekam schon bald seinen ursprünglichen Titel zurück, denn die Tarotdeuter betrachteten ihn weiterhin als ein Symbol weltlicher Macht.

 

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