Der Magier – Tarotkarte Nr 1 . Bedeutung

Manuel G | 13. April 2021

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Die erste der nummerierten Figuren der Großen Arkana war ein Beherrscher der Elemente. Die Farbensymbole der Elemente lagen vor ihm auf einem schmalen Tisch ausgebreitet, der den Ständen der karnevalistischen Scharlatane und Gaukler glich. Sein Titel deutete auf eine ähnliche Funktion hin: Gaukler, Zauberer, Zigeunerchef, Magus, Taschenspieler, Bateleur, Magier.

Der Tarotmagier wurd auch folgerichtig mit der bekanntesten Umwandlung eines heidnischen Gottes im Europa der Renaissance identifiziert: jenem einzigartigen Beherrscher der Elemente, Hermes Trismegistos (der >Dreifach-Große Hermes). Das Mategna-Tarot zeigte den Magier als Gott Hermes, der seinen Merkurstab, seine Flöte, den Federhelm und spitze Stiefel trug. Auf anderen Kartenblättern war der Magier wie der Hermes auf Botticellis Primavera postiert; seine Arme bildeten die alchemistische Glyphe für >Mercurius<, was zugleich der lateinische Name für Hermes war, als auch dessen heiliges Metall der Elementenumwandlung darstellte. Sowohl europäische als auch arabische Alchemisten bezeichneten Hermes als den Begründer ihrer Kunst.Die Alchemisten haben häufig versucht, »Hermes mit Athene zu verheiraten«, indem sie das Quecksilber mit Schwefel gelb färbten und dann versuchten, dieses zu synthetischem Gold zu verfestigen.

Alle stimmten darin überein, daß der Dreifach-Große Hermes mit Leichtigkeit einfaches Metall in Gold verwandeln könne, denn er besaß den Stein der Weisen, der die Elemente beherrschte und jedes Material in ein anderes verwandeln konnte. Mystiker, Philosophen und okkulte Gemeinschaften studierten eifrig den Corpus Hermeticum, eine Sammlung magischer Texte, die zur alchemistischen Bibel wurde, nachdem Cosimo de Medici eine griechische Ausgabe davon vorgelegt worden war. Man nahm an, Hermes selbst habe diese Texte verfaßt. Die Gelehrten der Renaissance waren sicher, daß er eine historische Person gewesen sei. In der Kathedrale von Siena gibt es sein Bild in Mosaikform mit der Inschrift: »Hermes Mercurius Trismegistos, Zeitgenosse von Moses.« In Lazarellis Calix Christi et Crater Hermetis (Kelch Christi und Schale des Hermes) steht, daß alles Wissen von Hermes stamme, und er dieses an Moses in Ägypten weitergegeben habe. Agrippa von

Nettesheim sieht in Hermes einen Enkel Abrahams. Sir Thomas Brown schrieb, daß die hermetische Magie »eine mystische Methode des Moses war, die in den Hieroglyphenschulen der Ägypter entwickelt wurde«, und daß die Ägypter Hermes entweder als Mercurius oder Anubis bezeichneten, »der ein Schreiber Saturns und Berater Osiris war, des großen Begründers ihrer religiösen Kulte und Bringer von Gutem nach Ägypten.« Er wurde vergöttlicht und stieg als der Stern Sirius gen Himmel auf.

Es gab eine lang bestehende Verwechslung zwischen Hermes Tris- megistos und dem entsprechenden ägyptischen Gott der Magie, Thoth. Das führte zur gelegentlichen Bezeichnung des Tarots als »Buch des Thoth«. Nach der ägyptischen Legende enthielt das ursprüngliche Buch des Thoth magische Formeln, die so machtvoll waren, daß sie einen Menschen befähigten, die Sprache der Vögel und Reptilien zu verstehen, sich selbst aus dem Grabe wieder zum Leben zu erwecken und sich auf die gleiche Stufe mit den Gottheiten der Sonne und des Mondes zu stellen. Er konnte die Gewässer, die Erde, die Winde des Himmels und das Feuer der Sterne (also die Elemente) beherrschen.

Koptische Christen identifizierten Thoth mit Christus. Sie schufen christliche Schriften aus Teilen des ägyptischen Totenbuches und tauschten den Namen Thoths gegen Christus und den seiner weiblichen Partnerin Maat bzw. Isis gegen Maria aus/

Frühe römische Christen identifizierten Hermes-Merkur gleichfalls mit Christus. Die neutestamentliche Beschreibung des Christus als Logos, dem personifizierten Worte Gottes, wurde von der heidnischen Beschreibung des Hermes als der Logos des Zeus oder Apollo-Helios übernommen. Die alten Hymnen auf Hermes gaben das Vorbild für die christlichen Hymnen ab und waren von ähnlicher Innigkeit geprägt:

»Ich will den Herrscher der Schöpfung lobpreisen, den Allen und Einen. Er ist das Licht meines Geistes. Lobpreisung, O Wahrheit, die Wahrheit, O Güte, das Gute, Leben und Licht. Dein eigenes Wort lobpreist dich durch mich: durch mich erhalte das Alles durch dein Wort, mein angemessenes Opfer. Du Pieroma in uns, O Leben, errette uns; O Licht, erleuchte uns; O Gott, mache uns spirituell. Der Geist bewacht mein Wort, aus der Ewigkeit bekomme ich Segen und das, was ich suche. Durch deinen Willen habe ich Ruhe gefunden.

Wir danken dir, O Höchster, denn durch deine Gnade erhielten wir das Licht des Wissens, den unaussprechlichen Namen (Logos). Durch dich errettet frohlocken wir, auf daß du dich für uns noch ganz zu erkennen gibst; wir frohlocken, daß selbst in unserem sterblichen Leibe du uns durch die Vision deiner selbst vergöttlichst. Wir haben dich kennengelernt, O du Licht, nur für unsere Gefühle wahrnehmbar; wir haben dich kennengelernt, oh du Licht des

Lebens des Menschen.«

Die populäre Ingleichsetzung von Hermes, dem Magier, mit dem Licht der Welt mag auch die Grundlage der numerischen Verbin“ dungslinie des Magiers mit der Karte der Sonne (Trumpf Nr.19) im Tarot gewesen sein. Eingeweihte der alten hermetischen und mi- thraischen Mysterien berichteten, sie seien mit Sonnenlicht erfüllt, dem Geist Gottes selbst. So konnten sie unsterblich werden wie er. Ihre Schriften versprachen: »Dies ist das gute Ende für jene, die Wissen erlangt haben, nämlich die Vergöttlichung.« Der Eingeweihte sprach die Worte: »Ich kenne dich, Hermes, und du kennst mich; ich bin du und du bist ich; dein Name ist der meinige, denn ich bin dein Abbild (eidolon).«

Christliche Schriften sagten Jesus das gleiche Versprechen zu, als er seinen Anhängern sagte, sie würden unsterblich werden, indem sie sein eidolon würden: ».. denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. An demselben Tage werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch.« (Joh. 14,19-20) Es gab dauerhafte Verbindungen zwischen den christlichen und hermetischen Erlösungsvorstellungen. Bis ins 16 Jahrhundert waren bei deutschen Münzen auf der einen Seite Christus und auf der anderen Seite die gekreuzigte hermetische Schlange abgebildet, was darauf hindeutet, daß beide die zwei Gesichter der gleichen Gottheit waren.

Für das Tarotsystem war auch die alte Vorstellung des Hermes als >Guter Schäfer< von Bedeutung, der die Seelen der Toten führte - ein Titel, den er mit Osiris, Mithra, Tammuz, dem hinduistischen Yama, dem persischen Yima und anderen ähnlichen Rettergestalten teilte. Die Griechen nannten ihn Hermes Psychopomp, den »Führer der Seelen«. Die Kabiren sagten von ihm, er sei der am ehesten zugängliche Dritte der von der Mutter Demeter zusammen mit ihrem Gemahl Hades gebildeten Heiligen Trinität; aus diesem Grunde konnte Hermes sich frei in deren niederen Bereichen bewegen. Weil er einstmals androgyn war - der ursprüngliche Hermaphrodit, der im gleichen Körper mit der Dreifachen Göttin Aphrodite vereint war - besaß er eine tiefe, charakteristische feminine Weisheit und das Wissen über die uterine Unterwelt, aus der alle Menschen periodisch wiedergeboren wurden.

Dies mag eine Erklärung dafür sein, warum der hermetische Magier die erste Trumpfkarte ist, auf die der unerleuchtete Narr stößt. Als Führer zu den geheimen Bereichen muß der Magier die gleiche Rolle gespielt haben wie Aeneas für Virgil, der diesen auf einer heiligen Reise durch die Unterwelt führte. Aeneas war ebenfalls einst Teil des Körpers der Aphrodite, obwohl dessen Trennung von ihr als eine Geburt beschrieben wurde. Umgekehrt begleitete Virgil auch Dante auf einer ähnlich symbolischen Reise der Erleuchtung durch die Unterwelt, das Fegefeuer und das Paradies.

Hermes war immer der Gott der Reisenden und aus diesem Grunde standen seine herms oder phallischen Säulen an den wichtigsten Straßenkreuzungen im gesamten griechisch-römischen Gebiet, oft zusammen mit Abbildern der dreifachen Unterweltgöttin, die bei den Römern Hecate Trevia hieß. Während der christlichen Ära wurden die am Weg stehenden herms durch Kruzifixe ersetzt. Christen glaubten jedoch weiterhin, daß die Wegkreuzungen von Hermes und Hecate heimgesucht würden. Anrufungen dieser angenommen allwissenden Gottheiten ließen Kreuzungen zu bevorzugten Orakelstätten werden. Hermes und Hecate wurden zu leise flüsternden Stimmen, die am Weihnachtsabend an Wegkreuzungen den Menschen die Zukunft ins Ohr flüsterten.

Der Magier, der mit Hermes als Lenker der Seelen, Gott der spirituellen Reisen und Führer zu den Mysterien des Lebens nach dem Tode gleichgesetzt wurde, war also die naheliegende Gestalt für den Anfang einer initiatorischen Reise durch die Stufen der Großen Arkana, die Opfer, Tod, Abstieg in die Unterwelt beinhalten konnten. Der Magier enthüllte die elementaren Mysterien, die für den Narren verborgen waren. Er trug den Lemniskatenhut, der die Unendlichkeit und den Zutritt zu beiden Welten symbolisierte. Er stellte die erste Hälfte der Erleuchtungsprozession dar. Und er traf zuerst auf eine Persönlichkeit, die außerhalb des Tarots fast vollkommen unbekannt ist - denn ihre Ursprünge für ihre Legenden und Symbole wurden absichtlich verdunkelt.

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