Der Mond – Tarotkarte Nr 18 . Bedeutung

Manuel G | 13. April 2021

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Es erscheint seltsam, daß keine der Karten der Großen Arkana - nicht einmal der Tod oder der Teufel - soviel Angst erzeugte wie die Karte >Der Mond<. Dieser Karte wurde mehr als jeder anderen negative Begriffsinhalte zugesprochen. Eine der schwächsten unter den negativen Vorhersagen war die der dunklen Nacht der Seele, »eine Glaubenskrise«. Was aber war am Bild des Vollmondes, zwei Hunden und einem Krebs oder einer Languste in einem Teich so kritisch oder gar angsterregend? Derart extravagante Reaktionen bedürfen einer Erklärung.

Zuerst muß man verstehen, daß der Mond das Ursymbol der Großen Göttin war und zwar lange bevor jeder Sonnengott oder die Vorstellung einer »übergeordneten« männlichen Gottheit auf der Bildfläche erschien. Die chaldäischen Begründer der Astrologie ignorierten die Sonne und gründeten ihr System auf die Umläufe des mütterlichen Mondes. Moses Maimonides sagte, die Mondverehrung sei die Religion Adams. Ein alter Name für Ägypten lautete Khemenu, »Land des Mondes«, und ägyptische Priester sahen den Mond als Mutter des Universums. In ganz Afrika erklärte man die alten Stammesführer zu Inkarnationen des Mondes. Die Afrikaner und Basken nannten ihre göttlichen Wesen »Monde«. Die Polynesier bezeichneten den Mond als die ursprüngliche Jungfrau-Mutter und Schöpferin; sie gebar die gesamte Menschheit. Plutarch sagte, die Kraft, die des Menschen Körper nähre und ihn wachsen ließe, sei der Mond; dies beginne mit der »Gerinnung« des Mondblutes der Mutter, aus dem im Schoße das Kind wächst. Ehemals glaubte man, die >Blutsverwandtschaft< bestehe nur zwischen dem weiblichen Geschlecht, denn das vom Mond gegebene Uterinblut schuf jedes neue Leben und Männer hätten mit diesem Vorgang nichts zu tun.

Solche und andere verwandte Glaubensvorstellungen konnten nicht einmal durch das patriarchalische Christentum ganz ausgerottet werden. Im Mittelalter sollte jede Frau, die einer besonderen göttlichen Hilfe bedurfte, nicht zu Gott (dem Feind ihres Geschlechts, nach Aussage der Bibel), sondern zu ihrer eigenen Gottheit, dem Mond beten. Die Bauern in Portugal und Frankreich haben niemals aufgehört, den Mond zu verehren, den sie »Unsere Frau« und »Mutter Gottes« nannten. Laut dem Digby-Mysterienspiel sang sogar Jesus Hymnen an »den Mond, seine Mutter, das Gefäß... in dem er ruhte, bevor er zur Sonne aufstieg.«

Wenn eine Frau von ihrem eigenen Bild im Mond träumte, so war dies ein Anzeichen dafür, daß sie eine Tochter gebären würde. Kinderreime aus dem Loiregebiet weisen bis heute darauf hin, daß der Mond der Ursprung der Kinder war. Eine Braut auf der Orkney-Insel war solange nicht richtig verheiratet, bis sie in der Nacht in dem als >Tempel des Mondes< bezeichneten megalithischen Steinkreis für ihre Fruchtbarkeit gebetet hatte. Die Feindseligkeit der Kirche zeigte sich deutlich in dem Glauben vieler Priester, daß eine Frau, die sich nackt im Mondschein badete, einen Vampir oder Teufel empfangen und gebären würde.

Der Mond wurde mit der Empfängnis in Verbindung gebracht, denn entsprechend dem uralten und in der ganzen Welt verbreiteten Glauben an die Wiedergeburt, empfing die Mondmutter fortwährend Seelen und sandte sie zur Wiedergeburt auf die Erde zurück. »Der Halbmond Dianas und der anderer Göttinnen soll die Arche oder ein bootähnliches Gefäß darstellen, ein Symbol der Fruchtbarkeit oder das Gefäß des Lebenskeims.« In den Veden steht, alle Seelen kehren nach dem Tod zum Mond zurück, von dem sie herkamen, um von »weiblichen Geistern« verschlungen zu werden. Die Griechen siedelten die eleusinischen Gefilde häufig auf dem Mond an. Die Römer sagten, die Seelen der Gerechten würden im Mond geläutert: ein vorchristliches Modell des Fegefeuers. Der Elfenbeinhalbmond, den römische Adlige trugen, stand für den Wohnort auf dem Mond nach dem Tode. Die Gnostiker sagten, die Seelen der Erleuchteten würden vom Mond angezogen, während die Seelen der Unwissenden als Tiere wiedergeboren würden.

Die Vorstellung von der Reise zum Mond nach dem Tode blieb Bestandteil der weiterentwickelten Kulturen.. Man findet ohne Schwierigkeiten Vorstellungen vom Mond als dem Land der Toten oder als erneuerndes Gefäß für die Seelen.. Dies ist der Grund, warum der Mond die Herrschaft hat über das Entstehen der Organismen und auch über deren Auflösung.

Die >Isle of Man< (Man=Mond) war einstmals eine nordeuropäische »Insel der Toten«; diese war für die Mondmutter Mana, der Herrscherin des Himmels, heilig; die Teutonen nannten sie Manavegr, »Der Weg des Mondes«. Die Mondmutter Mana war in der finnischen My thologie auch die Königin der Geisterwelt, Manala. In Arabien war sie die Mutter des Schicksals, und für die Römer war sie die Mutter der Ahnengeister, der manes oder maniae, Die Mutter Mana der Mondinsel bewahrte die Seelen der Toten in »nach unten gestülpten Gefäßen«. Gräber in Ostjütland enthielten eine große Anzahl von »Seelengefäßen« in Form umgestülpter Krüge. Einen ähnlichen Brauch findet man bei südamerikanischen Indianern, die davon ausgingen, daß der Mond die Seelen wegtrage und sie unter Gefäßen verborgen halte. In Südostasien verglich man alle lebensspendenden Flüssigkeiten mit dem >Seelenstoff<, dessen Gefäß der Mond war: »Wasser, Saft, Milch und Blut stellen nur unterschiedliche Zustände des einen Elixiers dar. Das Gefäß oder der Krug dieser unsterblichen Flüssigkeiten ist der Mond.«

Alle Versionen der dreifachen Mondgöttin weisen die gleiche Verbindung mit Geburt, Tod und Wiedergeburt auf, besonders in Hinsicht auf ihre Greisinnenform, vor der sich die Menschen am meisten fürchteten. Eine klassische Alte war Hekate, die im Christentum zur gefürchteten »Königin der Hexen« wurde, denn ihre alten Friesterinnen gaben vor, den Mond zu beherrschen und ihn sogar durch ihre magischen Sprüche vom Himmel herabzuholen. Tatsächlich bestand dieses »Herunterziehen« des Mondes im Herbeirufen der Mondgeister, damit diese ein menschliches Wesen bewohnen konnten, z.B. bei der Weihe einer Friesterin; dieselbe Zeremonie wurde später von den Christen als »Herabrufen« des Heiligen Geistes kopiert. Porphyrios schrieb: »Der Mond ist Hekate... ihre Macht offenbart sich in drei Formen: wenn sie den Neumond als Symbol hat, dann ist sie eine Gestalt in weißen Gewändern und goldenen Sandalen mit erleuchteten Fackeln; den Korb, den sie trägt, wenn sie hoch am Himmel steht, ist ein Symbol für die Kultivierung der Ernte, die sie mit Zunahme ihres Lichtes reifen läßt.«

Die Mondkarte des Tarot wurde manchmal als Hekate oder >Hunde der Hekate< bezeichnet, was uns zu den zwei Hunden bringt, die den Mond anheulen. Überall in Europa hielten die Abergläubischen daran fest, daß ein Hund, der den Mond anheult, ein Todesomen sei, denn Hunde konnten den sich nähernden Todesengel (Hekate) sehen. Üblicherweise werden auf dieser Karte hinter den Hunden zwei Torpfeiler abgebildet, durch die eine Straße führt. Das war eine klassische Abbildung der Todespforte. Die vedischen Dichter und die meisten anderen Indoeuropäer glaubten, diese Todespforte wäre von Hunden bewacht. Die Iren achteten darauf, daß die Trauernden nicht zu laut wehklagen sollten, aus Furcht, die Hunde am Todestor zu stören und sie vielleicht zu veranlassen, die abgeschiedene Seele anzugreifen.

Die Göttin in ihrer Greisinnenform war die Mutter oder die Herrin der Todeshunde. Die Veden nannten sie Sarama, d.h. Sara-Ma, Mutter Sara, eine göttliche Jägerin, die für die Zigeuner Sara-Kali war. Im Vendidad heißt es, daß die Seele im Himmel der schönen Mondfrau »mit den Hunden an ihrer Seite« begegne. Eine skandinavische Form der Greisin war Angurboda, »das häßliche Weib des eisernen Waldes«, die Hel und die Wolfsrudel gebar, die von Managarm, dem »Mondhund« angeführt wurden. Sie halfen den Toten auf ihrem Weg nach Walhalla.

Hunde, Schakale und Wölfe wurden wie die Geier in der ganzen Welt mit dem Tod in Verbindung gebracht, denn sie fressen Aas. Als Begleiter der Todesmutter waren sie Hundegötter. Die vordynastische Bezeichnung für den ägyptischen Schakalgott Anubis lautete Mates, »Er, von der Mutter«. Die Namen Shiva und Anubis bedeuten >Schakal<. Er begleitete die Göttin in seiner Schakalform. Der gallisch-römische Todeskünder war ein Wolf namens Lupus oder Feronius, bzw. Dis Pater. Für die Griechen war er Apollo Lycaeon, der »wölfische Apollo«, der einstmals mit Artemis als Mutter der Tiere vermählt war. Das Lyceum, bzw. der Wolfstempel, in dem Sokrates lehrte, war ihm gewidmet. Auch Persephone, der zerstörerische Aspekt der gleichen Göttin, hatte einen Hund als Torwächter; er hieß Cerberus, »Geist des Abgrunds«.

Die Hunde auf der Mondkarte könnten sehr wohl jene traditionellen Torwächter gewesen sein, aber der Tod ist bereits als 13. Trumpf der Großen Arkana erschienen. Auch der Abstieg in die Hölle und das Zusammentreffen mit dem Teufel hat bereits stattgefunden. Was aber zeichnet die Mondkarte nun aus oder was macht sie so beunruhigend? Die Antwort findet sich beim Krebs im Vordergrund. Dieses Symbol stellt nicht nur den Tod dar, sondern auch die menschliche Katastrophenvorstellung für das äußere Universum: den Weltuntergang.

Der Krebs war das Tierkreiszeichen des Wasser und wurde immer vom Mond beherrscht. Vor Tausenden von Jahren verkündeten frühe chaldäische Astrologen, daß die weltzerstörende Sintflut dann eintreten werde, wenn sich alle Planeten in der Krebskonstellation treffen würden. Wenn im Laufe der Zeit die Planeten in das Zeichen des Krebses eintreten würden, dann käme der jetzige Weltzyklus zu seinem Ende. Alles würde in einem Urchaos untergehen und eine neue Schöpfung würde vorbereitet. Diese Vorstellungen waren in Indien, Ägypten, China, Persien, im Mittleren Osten, Europa und im vorko- lumbischen Amerika verbreitet.

Und dies ist das gefürchtete Geheimnis der Mondkarte. Der Krebs verkündet das letzte Kommen der Greisin, welche die Erde, die Götter und die Elemente verschlingen würde. Kali-Bhavani, das Sein, würde als Kali-Uma, Nicht-Sein, in ihre »dunkle Formlosigkeit« zurückkehren, jene ursprüngliche Tiefe, die vom Wasserteich des Krebses symbolisiert wurde. Dies war die dunkle Nacht des Kosmos, nicht der Einzelseele. Es ist möglicherweise das Geheimnis, das die Päpstin, die Schwester des Mondes, in ihrem Buch liest. Auch sie saß vor der Pforte.

Unzählige abergläubische Vorstellungen wurden durch uralte Andeutungen über die zerstörerischen Kräfte des Mondes genährt. >Manie< und >Wahnsinn< (engl, lunacy) leiten sich aus den Namen der Mondmutter ab (Mana, Luna), denn die Kirchenväter bezeichneten deren Verehrer als Geisteskranke. Die Empfehlung viktorianischer Ärzte, in geschlossenen Räumen zu schlafen, wurde damit begründet, daß dadurch »ungesunde Nachtlüfte« draußen gehalten würden, doch früher sollte so das Mondlicht abgehalten werden. Roger Bacon schrieb ernsthaft: »Viele starben, weil sie sich nicht vor den Mondstrahlen schützten.«

Was die Christen beim lunaren Weltuntergang übersahen, war der Glauben der alten Religionen, daß es keinen ewigen Aufenthalt im Himmel oder der Hölle gab. Es war kein wirkliches Ende. Aus dem Tod - sogar dem kosmischen Tode - entstand neues Leben. Die Zerstörung war eine unabdingbare Voraussetzung für die Schöpfung. Die uralten apokalyptischen Mythen beinhalteten diese Vorstellung und das gleiche gilt für die Karte >Der Mond<, auf die eine neue Sonne folgt, welche das Bild einer paradieshaften Jugend, Unschuld und Freude mit sich bringt.

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