Der Papst – Tarotkarte Nr 5 . Bedeutung

Manuel G | 13. April 2021

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Der Tarotpapst ist eine besonders rätselhafte Gestalt. Er hatte mit Sicherheit nichts mit der christlichen Orthodoxie zu tun. Die wenigen Gelehrten, die ihn mit dem römischen Papst gleichsetzten, taten dies unter großen Vorbehalten. »Autoren, die den Papst als eine Karte der etablierten Religion interpretierten, betonten gewöhnlich auch, daß der Sucher nach der Wahrheit viel tiefer schauen muß.« Eine symbolische Bedeutung sah man in jenen klassischen Tarotbildern, bei denen die »Pfeiler der Kirche« hinter dem päpstlichen Thron überhaupt nichts stützen.«

Numerisch war der Papst mit dem Teufel (Trumpf Nr. 15) gleichgesetzt; dies erinnert an den gnostischen Glauben des 13 Jahrhunderts, daß der Jehova der römischen Kirche ein Dämon war, der die materielle Welt geschaffen hatte, nur um die Seelen darin zu verfangen. Einige andere Entwürfe der Karte des Papstes stellen verschiedene »Götter der Heiden« dar, die von der Kirche automatisch als Teufel definiert wurden. Französische Karten wandelten den Papst in Jupiter um, um ihn der Päpstin Juno anzupassen, Auf anderen Karten erscheint der Papst als Bacchus, mit Weinlaub bekleidet, rittlings auf einem Weinfaß sitzend und aus einer Flasche trinkend. Bacchus war in weiten Kreisen bekannt, und man verehrte ihn häufig im mittelalterlichen Europa. Italienische Bauern schwören immer noch auf ihn, indem sie das italienische Äquivalent »Körper Gottes« (corpo di deo) als »Corpo di Bacco« aussprechen. Bis ins 19.Jahrhundert lasen die Weinbauern noch Omen für ihre Ernte aus dem zerstörten Bacchusaltar auf einem Inselchen im Rhein.

Andere Namen für den Tarotpapst, wie z„R. >Großer Meister< oder >Zigeunerfürst<, deuten auf eine Verbindung mit der Magie hin.Mehrere historische Päpste waren den Okkultisten als Meister der schwarzen Magie bekannt, vor allem Leo III. als Verfasser des Enchiridions und Honorius III., angeblicher Autor eines anderen magischen Werkes Die Begründung des Honorius. Neben vielen magischen Zauberformeln enthielt das letztere Buch die 72 geheimen Namen Gottes, durch die ein Magier alle Arten von Wundern herbeiführen konnte. Es war allgemein verbreitet, daß die wahre Macht

des Papstes in dem sorgsam gehüteten Wissen dieser geheimen Namen lag: ein Glaube, der auf der alten Tradition der Namensmagie gründete, die später in das christliche Dogma vom Logos (das göttliche Wort) einging.

Seit frühester Zeit gaben die Priester Indiens und Ägyptens vor, ihre Götter durch gesprochene Mantras, die deren geheime Namen enthielten, zu beherrschen. Auf die gleiche Weise dachten die Mohammedaner von Allah, er könne gezwungen werden, jedes Gebet zu erhören, wenn seine 99 geheimen Namen ausgesprochen würden. Auch die Christen dachten von einem Priester, er könne Gott zwingen, alles zu tun, was von ihm verlangt würde, wenn seine geheimen Namen während einer besonderen Heiliggeist-Messe ausgesprochen würden.

Einige Vorstellungen über die verbale Macht der Geistlichen waren eine natürliche Folge der kirchlichen Doktrin über die Schlüssel. Es wurde behauptet, jeder Papst erbe die Schlüssel zu den Pforten von Himmel und Hölle, vielleicht in Form der geheimen Worte und Symbole, die Jesus dem Petrus übertragen hatte. Die Schlüssel garantierten Gottes Antwort auf alles, was sich der Papst wünschte: Segnungen oder Verdammungen, Absolutionen oder Verbannungen. »Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben, und alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel erlöst sein« (Matth. 16,19). Tatsächlich war die Lehre von den Schlüsseln viel älter als das Christentum. Man kannte sie bereits in den meisten heidnischen Mysterienreligionen. Ein Hohepriester personifizierte häufig den himmlischen Schlüsselwächter vor den Toren des Himmels. Die römischen Mithraisten hatten einen Pater Patri (Vater der Väter) genannten Hohepriester, der die Schlüssel zum Himmel und zur Hölle bei sich trug. Die christlichen Päpste übernahmen sowohl seine Schlüssel als auch seinen Titel, der sich nach und nach in papa und dann in »Papst« (engl, pope) verfälschte.12 Der Name Peter war eine weitere Variante des priesterlichen Titels.

»Jesus hat Petrus nicht als das Haupt der Kirche eingesetzt, er hat auch nicht das Papsttum begründet.« Die sogenannte Petruspassage in Matth. 16 war eine später hinzugefügte Fälschung, die dazu dienen sollte, das Primat des römischen Stuhls gegenüber den Konkurrenzansprüchen Konstantinopels aufrechtzuerhalten. Die byzantinischen Patriarchen hatten ihren eigenen Apostel namens Andreas (griech. andros, Mann), der beanspruchte, der erste Jünger Christi, der ältere Bruder Fetrus< und der erste geopferte Apostel gewesen zu sein. Aus diesen Gründen sollte ihrer Meinung nach die byzantinische Kirche als das wahre Papsttum betrachtet werden. Die Legende, daß Andreas an ein X-förmiges Kreuz geschlagen wurde, stammte ursprünglich nicht aus Byzanz. Diese Vorstellung kam erst im späten Mittelalter auf, wahrscheinlich aus Nordeuropa und vielleicht als verworrene Neuinterpretation des Wotankreuzes.

Wenn man die römischen Petruslegenden genauer untersucht, stößt man auf die merkwürdige Überlieferung von einem Peter, Petra oder Pater, der die Schlüssel zur Jenseitswelt hütete, und das bereits Jahrhunderte vor dem christlichen Zeitalter. Die ethymologische Verwandschaft der Wörter für >Vater< und >Fels< (petra) besaß einen gemeinsamen Ursprung in der phallischen Steinsäule; diese steht auf dem vatikanischen Berg, wo die christliche Mythologie das nach unten gerichtete Kreuz des Heiligen Petrus ansiedelte. Schon lange, bevor es ein Rom gab, bewachte ein etruskischer Hohepriester, der vatis genannt wurde, das Tor zum heiligen Berg. Der >Peter< oder petra scheint der Phallus des Jupiter (Ju-pater) gewesen zu sein; Jupiter heißt »heiliger Zeuger« und leitet sich ab von dem alten arischen Gott Dyaus Pitar.

Es gab noch andere Manifestationen dieses »Felsen der Zeitalter«. Die Ägypter kannten einen Geist des Obelisken namens Petra; vielleicht war das die gleiche Steinsäule, welche die Edomiten in der heiligen Stadt Petra verehrten. In der Bibel wurde diese Gottheit zum »Fels, der dich gezeugt hat« (S.Moses 32,18).

Das umgekehrte Kreuz leitet sich möglicherweise ab von einem Symbol des Himmelsvaters petra, der nach unten stieg, um den Schoß der Mutter Erde zu befruchten. Die spitze Krone eines Obelisken oder einer phallischen Säule wurde umgekehrt, wenn der Gott nach unten kam. Ein umgedrehter petra bildete die Brücke zwischen Himmel und Erde; das heidnische Rom betrachtete es als ihr heiliges Palladium (schützendes Heiligtum) und wurde »wegen seiner Ähnlichkeit mit einem männlichen Geschlechtsteil« manchmal auch als Szepter des Priapos bezeichnet. Ein Pontifex Maximus (Großer Brückenbauer) genannter Priester war damit beauftragt, die sexuellen Rituale auszuführen, durch die der männliche Geist des Palladiums mit dem weiblichen Geist des vestalischen Altars vereint wurde. Diese Priester trugen die apex genannte konische Mütze, die später zur spitzen päpstlichen Tiara wurde, weshalb die Gelehrten nun sagen, die päpstliche Tiara sei phallisch. Es gibt Grund für die Vermutung, daß die vatikanischen Behörden jahrhundertelang eine noch deutlichere Darstellung des phallischen Petra-Gottes aufbewahrten. Ein viktorianischer Besucher aus dem 19.Jahrhundert berichtete, die vatikanischen Priester »bewahrten im Geheimen ein großes Steinemblem der schöpferischen Kraft auf, welches eine sehr merkwürdige Form besitze.«

So scheint es wahrscheinlich zu sein, daß die christliche Legende von der Gründung der römischen Kirche durch Petrus keine geschichtliche Tatsache ist, sondern einer viel älteren Überlieferung vom maskulinen Geiste Roms aufgestülpt wurde. Vielleicht stellt der Tarot-Papst, zumindest teilweise, einen Teil dieser älteren, wenn auch ungenau wiedergegebenen Tradition dar. In der heidnischen Terminologie wird der Papst wie die alten Hohepriester als eidolon, als »Abbild Gottes« bezeichnet. Es ist interessant, daß einige moderne Tarotkarten den päpstlichen Titel in Hohepriester oder Hierophant umbenannten. Das ist genau jene Bezeichnung, die derjenige trug, der in den eleusinischen Mysterien ausgewählt wurde, sich mit Demeter zu vereinigen oder in den Isismysterien Osiris darzustellen. Das einfache Volk betrachtete einen Hohepriester gewöhnlich als eine Verkörperung der Gottheit.

Die in der Tarotsymbolik vorkommende Verbindung zwischen dem Papst und dem Teufel könnte sich ableiten aus den Legenden über mehrere römische Päpste, die angeblich aufgrund eines Pakts mit dem Teufel ihr Amt erhielten. Das mittelalterliche Volk hielt es scheinbar nicht für unvereinbar, daß der päpstliche Stuhl der Macht des Teufels unterlegen war. Der vielleicht berühmteste päpstliche Günstling des Teufels war Gerbert de Aurillac, der später zum Papst Silvester II. wurde. Gerbert wuchs im Frankreich des zehnten Jahrhunderts auf, welches zu dieser Zeit noch von der dianischen Feen-Religion durchdrungen war, und er selbst hat vielleicht zu einer Gruppe gehört, die Diana Silvia verehrte. Man sagt ihm nach, daß er selbst als Papst noch eine Feengeliebte namens Meridiana (Maria-Diana) gehabt habe, die ihm die Geheimnisse der Magie beibrachte. Sein von ihm gewählter Papstname war der Titel der Gefährten Diana Silvias.

In Wahrheit war Papst Silvester intelligenter und gebildeter als die meisten seiner kirchlichen Zeitgenossen, deren Gewohnheit es war, allem außerhalb ihres Horizonts liegendem einen diabolischen Einfluß zuzuschreiben. »Die Liste der großen Männer in diesen Jahrhunderten, die Umgang mit der Magie hatten ist verblüffend; und in deren Mitte steht einer der gelehrsamsten Päpste, Silvester II. (Gerbert). Es wurde eine allgemein anerkannte Tatsache, daß ein Mensch zuerst mit dem Teufel in Verbindung treten mußte, bevor er überhaupt daran denken konnte, die Werke Gottes zu studieren.«

Wer hat nun von all diesen Möglichkeiten die Figur des Tarot- Papstes am nachhaltigsten geprägt? War es Silvester, Honorius, Leo, Jupiter, Bacchus oder Osiris? Der heidnische Petra? Der mithraische

Pater? Der Pontifex, der ein Hohepriester wurde? Der Teufel? Eine Deutung obliegt der Einschätzung jedes einzelnen. Man kann nur Vermutungen anstellen, was die Leute im 13.Jahrhundert aus diesem merkwürdigen Porträt eines heiligen Mannes gelernt haben.

 

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