Der Tod – Tarotkarte Nr 13 . Bedeutung

Manuel G | 13. April 2021

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Häufig ignorieren Tarotinterpreten die offensichtliche Bedeutung der Karte des Todes, indem sie diese als Karte der >Wandlung< oder >Transformation< bezeichnen. Etwas wird abgeschlossen, und etwas Neues beginnt - so wie es der Engel der Mäßigkeit durch das Ein- und Ausschütten mit den zwei Gefäßen impliziert. Doch die Karte stellte sicherlich den typischen grimmigen Sensenmann der mittelalterlichen Mysterienspiele dar. In Frankreich hieß er Macabre und diese Bezeichnung wurde auch manchmal für den 13. Trumpf des Tarot verwandt. Mit seinem Totenkopf und seinem Skelettgewand und der mähenden Sense führte diese bekannte Figur vor Tausenden von Festtagsbesuchern jedes Jahr seinen danse macabre auf. Vielleicht verstanden einige Besucher die geheime Bedeutung seines Tanzes, der dem Tanz des Shiva als Herr des Todes glich.

Der >gnmmige< Aspekt des furchterregenden Sensenmannes war ursprünglich eine Maske. Die Schädelmaske des Todes wurde zuweilen mit der Helkappe oder Hildegrim, »Hels Maske«, gleichgesetzt, einem magischen Helm, dessen Träger nach Belieben die Tore zur Unterwelt Mutter Hels passieren konnte. Ein teutonischer Schamane mit solch einem Helm stand mit der Greisinnengöttin Hilde oder Hel in der Unterwelt in engster Verbindung, und sie gewährte ihm, ihren juwelenen Todespalast zu besuchen und zum Leben zurückzukehren.Manchmal hieß dieser magische Helm auch Tarnkappe, die Kappe der Dunkelheit, durch die der Träger unsichtbar wurde* Auch der Tod hatte diese Macht. In der Regel stellte man sich die Geister der Toten unsichtbar vor.

Die Sense des Mähers war das langstielige Ebenbild der Mondsichel der Göttin und stellte den abnehmenden Mond dar - die Erntephase, die seit alten Zeiten der Greisin heilig war. Die ersten Benutzer der Skythe (Sense) waren wahrscheinlich die Skythen, ein matriarchales >Amazo- nenvolk<, das vom achten bis zum ersten Jahrhundert v.Chr. in der Gegend um das Schwarze Meer lebte. Deren Göttin - welche die Griechen Rhea oder Gaea, Hestia oder Artemis nannten - wurde von Priesterinnen oder Eunuchenpriestern in Frauenkleidern vertreten.

Die Europäer nannten sie Hel oder >Mutter Tod<, und sie hatte noch

mehrere andere Namen, die bis auf die Skythen zurückverfolgt werden können. Die Iren nannten sie Scatha, die Wikinger Skadi oder Skathi. Als >dunkle Venus< Scotia war sie die namensgebende Göttin Schottlands; dort wurde sie auch als Caillech, »die Greisin«, bezeichnet. Von ihr geerntet oder gemäht zu werden, nannte man »to be scathed«, d.hu niedergemacht zu werden. In keltischen Legenden war sie die Königin der Insel Skye. Cu Chulainn und andere Helden zogen dorthin, um die Kriegskünste und die für Krieger geeignete Magie zu erlernen. Die Insel Skye wurde auch als »Insel des Todes« bezeichnet. Nach einem ehrenvollen Tod in der Schlacht konnten die Kriegshelden für immer dort verweilen. Solche Helden nannte man Helleder, das ist »ein Mann, der der Mutter Hel gehört.«

In Tibet wurden bis ins heutige Jahrhundert Mysterienspiele zu Ehren der Mutter Tod auf geführt; dabei wurde die gleiche Gestalt mit dem Totenschädel und dem Skelett dargestellt, wie dies bei den mittelalterlichen Festen in Europa üblich war. Auch Mysterienspiele der Sufis verbanden die Mondzahl 13 mit dem magischen Kreis, der halka, sprachverwandt mit dem tantrischen Wort chakra. 13 Teilnehmer, die mashkara, symbolisierten die 13 jährlichen Mondumkreisungen. Es wird vermutet, daß sich der sogenannte Hexensabbat aus dem sufischen zabat ableitet, was »ein Augenblick der Macht« bedeutete, wenn die 13 mashkara den Abstieg in die Unterwelt aufführten und die Geister der Toten zum Zwecke der Weissagung erweckten.

Genau wie beim Tarotsystem wurde die Zahl 13 gewöhnlich mit dem Tod assoziiert, denn der dreizehnte Mond war nach der alten Mondzeitrechnung die Zeit des Todes und der Erneuerung. Häufig trug die 13. Karte der großen Arkana nur diese Zahl ohne Namen, obwohl die Karte selbst den Tod darstellte. Dies beruhte auf dem Aberglauben, daß das Auf schreiben eines Namens gleichbedeutend war mit der Anrufung dessen Geistes - und niemand wollte den Tod herbeirufen. Aber offensichtlich galt dieses Tabu weder für die Anfertigung des Bildes noch für die Darstellung des Todes mit Maske und Skelettkörper.

Bei den Mysterienkulten und in Geheimbünden wurden die Maske und das Gewand des Todes benutzt, um den Abstieg in die Unterwelt nach dem Opfertod des Initianden darzustellen - so wie auch auf die Karte des Gehängten der Tod folgt. Für diesen Ablauf gab es uralte Vorbilder. Eine dramatisierte Begegnung mit dem Herrn des Todes nahm in Apuleius Einweihung in die Isis-Mysterien einen herausragenden Platz ein. Danach wurde er in Verkleidung eines Sonnenkindes >wiedergeboren< - wahrscheinlich stellt dies ein ähnliches Sonnenkind

dar wie auf der Karte >Die Sonne< (Trumpf Nr. 19). Die frühen christlich-gnostischen Mysterienkulte, die angeblich den rituellen Selbstmord verlangten, könnten eher empfohlen haben, durch die symbolische Begegnung mit dem Tod die Angst vor dem Tod zu überwinden. Im Geheimen Buch Jakobs sagte Jesus: »Wahrlich, ich sage euch, keiner, der den Tod fürchtet, wird errettet werden; denn das Reich des Todes gehört denen, die sich selbst dem Tode ausliefern.«

Märtyrer nahmen diesen Ratschlag natürlich wörtlich, um sich die »Krone«, wie sie es nannten, zu erlangen - d.h. einen bevorzugten Platz im Himmel. Andere frühe Christen versuchten, den Tod zu verneinen, indem sie fest glaubten, daß Todlosigkeit ein natürlicher Zustand des Menschen sei. Die Kirche lehrte offiziell, daß der Mensch unsterblich erschaffen und daß der Tod nur durch die Sünde Evas in die Welt gekommen sei. Somit konnte man die Frau für das Vorhandensein des Todes verantwortlich machen. In den Schriften Henochs wurde ausgeführt, daß Gott für den Menschen ebenso ein ewiges Leben vorgesehen hatte wie für die Engel, aber nachdem Eva den Adam zur Sünde verführt hatte, machte Gott aufgrund dieses Sündenfalls den Tod zum Schicksal der Menschheit (und aller anderen Kreaturen). Ben Sirach sagte: »Von einer Frau ging die Sünde aus; und wegen ihr müssen wir alle sterben.« Diesem Beispiel folgend erklärte die Kirche des fünften Jahrhunderts, daß die Vorstellung, der Tod sei eine Naturgegebenheit anstatt die Folge des Sündenfalls, Ketzerei bedeute.

Viele Gnostiker und Heiden lehrten absichtlich diese >ketzerische< Botschaft, indem sie Tod und Geburt gleichermaßen als unabdingbare Gesetzmäßigkeiten des Naturkreislaufs betrachteten. Das Heidentum versuchte niemals, die Tatsache des Todes zu verniedlichen. Sie mußte akzeptiert werden im Glauben an eine Wiedergeburt und Erneuerung, wenn der Zeitpunkt dafür gekommen war. Der Philosoph Lukretius sagte, die Angst vor dem Tode sollte mehr als der Tod selbst gefürchtet werden, denn sie könnte das ganze Leben vergiften: »Manchmal bringt die Todesfurcht einen Menschen dahin, das ihn nährende Sonnenlicht zu hassen, bis er zermartert, sein Leben wegwirft und vergißt, daß seine eigentliche Pein die Angst vor dem Tode ist. Diese Angst schwächt seine Abwehrkraft... Diese Angst, diese geistige Dunkelheit können wir auflösen - nicht mit Hilfe der Sonne, dem glänzenden Strahlen des Tages, sondern durch die Erkenntnis der naturbedingten Wahrheit.«

Die Vermittlung der Erkenntnis der naturbedingten Wahrheit war der eigentliche Sinn der symbolischen Dramen innerhalb der heidnischen Mysterien. »Der Mensch muß sich durch und mit der Natur erheben und nicht durch die asketische Ablehnung derselben«, sagten die östlichen Weisen. Dies war die Botschaft der Todesfigur auf den Initiationstableux. Die Erkenntnis bestand darin, daß man sich dem Tod stellen und ihn nicht verleugnen sollte. Die Karte des Todes in der Großen Arkana muß eine ähnliche Botschaft vermittelt haben. Der knöcherne und grimmige Sensenmann, dessen Bedeutung überall bekannt war, wäre als ein Symbol für bloße >Veränderung< nicht ganz adäquat.

In einem Mysterienspiel aus der Renaissancezeit wird der Tod von einer Gestalt der Zeit begleitet, die ein Stundenglas trägt und Flügel besitzt, um die verfliegende Zeit darzustellen. Der Knochenmensch Macabre trug einen Kerzenlöscher, um das Licht eines jeden Lebens auszulöschen, wenn dessen Zeit gekommen war. Wie in diesem Bild die geflügelte Zeit (tempus) dem Tod folgte, so folgte im Tarot dem Tod die geflügelte Mäßigkeit, die eine Flüssigkeit von einem Gefäß in ein anderes goß, was wiederum dem zerrinnenden Sand in einem Stundenglas ähnelt. >Die Mäßigkeit konnte auf mehreren Ebenen gleichzeitig verstanden werden: als »Mischerin« (temperare) der Elemente und als die »Zeiten und Jahreszeiten« (tempor). Man sagte, der Tod und die Zeit machten vor keinem Menschen halt. Im Tarot werden beide zusammen im spirituellen Bereich angesiedelt.

Numerisch war >Der Tod< mit dem >Triumphwagen< (Trumpf Nr.7) verbunden, der ein Symbol königlicher Herrlichkeit ist. Klassische Tarotblätter zeigten unter den von Macabre grausam abgeschlagenen Köpfen einen gekrönten Kopf, Die Todeskarte scheint so den weltlich Bedeutenden die gleiche Botschaft wie der Psalmist mit auf den Weg zu geben: »Denn er wird nichts bei seinem Sterben mitnehmen, und seine Herrlichkeit wird ihm nicht nachfahren« (Psalm 49,18).

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