Die Gerechtigkeit – Tarotkarte Nr 8 . Bedeutung

Manuel G | 13. April 2021

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Nach dem vergänglichen Ruhm der Triumphwagenfahrt zeigt die Große Arkana eine eher grimmige Figur: die Göttin Gerechtigkeit, die in ihrer Waage die Freuden gegen die Schmerzen aufwiegt und anscheinend die Zahlung einer karmischen Schuld verlangt.

Die östlichen Weisen glaubten daran, daß die Freuden des Lebens gewöhnlich vor dem Leiden kommen; aber je größer der Ruhm, desto umfassender muß die Sühne sein. Diese Vorstellung eines karmischen Gleichgewichts entstand aus der traditionellen gnostischen Lehre in Verbindung mit Luzifer, daß »Hochmut vor dem Fall« kommt. Auch wenn Menschen sich wie Götter fühlen, fordert die Schicksalsgöttin unter ihren verschiedenen Namen die gerechte Zahlung für ihre Geschenke. Es waren immer diejenigen, die am höchsten in dem Weltwagen ritten, die dann das schmerzvollste Opfer erleiden mußten; »für jede Handlung eine gleiche und entsprechende Reaktion.« Dies war das karmische Gesetz.

Die gnostische Vorstellung von Gerechtigkeit mit ihren beiden Waagschalen war im Grundsatz dieselbe wie die der orientalischen Schicksalsgöttin, die die karmischen Gesetze entwickelt hat. Sie kommt in der klassischen griechischen Philosophie unter verschiedenen Namen vor: als Dike (Gerechtigkeit), Ananke (Notwendigkeit), Nemesis (Vergeltung) und Heimarmene (zugeteilte Bestimmung). Dies waren keine abstrakten Prinzipien, sondern personifizierten in jedem Fall die Göttin, die als Mutter der Erschaffung als auch der Zerstörung verehrt wurde - jene allgegenwärtige Geburt-und-Tod-Göttin, deren Charakter aus der Vorstellungsweit des Westens so gründlich ausgerottet wurde. Die Stoiker bezeichneten sie als die Herrscherin des gesamten Universums, als eine Erschafferin und Zerstörerin der Götter. Die Orphiker schlossen sich dieser Vorstellung an und erklärten Chronos (Zeit) zu ihrem Gatten, in dessen Bereich die Prinzipien der Gerechtigkeit früher oder später unausweichlich zum Tragen kämen. Die gesamte Schöpfung unterlag den Handlungen dieser Göttin, und nichts konnte ihr verborgen bleiben.

Die unerbittliche Göttin des Schicksals oder der Gerechtigkeit war älter als der Stoizismus. Sie tauchte bereits in den frühen Kulturen

Ägyptens, Babyloniens und Phöniziens auf. Für die Ägypter war sie Maat, die Mutter, deren Name mit Wahrheit und Gerechtigkeit synonym ist. In ihren Waagschalen wurde die menschliche Herz-Seele {ab) mit ihrem Symbol, der Feder der Wahrheit, gewogen. Ein Mensch, der »auf der Waage gewogen und zu leicht befunden« wurde, wie die Bibel (Dan. 5,27) diesen ägyptischen Sinnspruch übersetzte, würde in der Unterwelt von dem zerstörerischen Aspekt der Göttin, einem Monster namens Am-Muty dem »Verschlinger der Herzen«, verspeist.

Im Westen Ägyptens gründeten phönizische und karthagische Verehrer der Astarte Gesellschaften, die von der gleichen Vorstellung der vergeltenden Dualität dieser Göttin ausgingen. Als Astraea, die Sternengleiche, war sie die jungfräuliche Königin des Himmels und mit der Erigone-Konstellation (Jungfrau) verbunden; sie wurde von der schwarzen Hündin Maera begleitet, ihrem furiosen »Gesetzeshund«.In den homerischen Mythen war Maera der Geist der Vergeltung und verkörperte sich in der trojanischen Königin Hecuba oder Hecabe, die auch eine Inkarnation der Mondgöttin Hecate war. Nach Hecubas Tod erschien ihre Seele als Maera und erschreckte ihre griechischen Mörder, die sich vor dem Rachefluch ihres Opfers fürchteten.

Die Römer kannten die karthagische Königin des Himmels als Mutter Libya oder Libera, die tragende Gottheit des Liberalia-Festes. Ihr Gefährte war Bacchus, der als »Vater Liber« betitelt wurde. Ihr Name wurde gelegentlich zu Libra. So wurde sie zur astrologischen Dame der Waagschalen, und sie trug - wie im Tarot - ihre Waage und ihr Schwert. Die astrologische Libra wurde immer mit der Venus verbunden, was der lateinische Name für die gleiche Göttin ist.

Eine antike Stele (Bildsäule) in Karthago zeigte die Göttin zusammen mit ihrem Symbol, der Zahl 8, das Zeichen des vollkommenen Gleichgewichts, das zum Unendlichkeitszeichen und auch zur Zahl der Tarotkarte Gerechtigkeit wurde. Vielleicht trug das Auftauchen des gleichen Symbols auf dem Trumpf Nr.ll, >der Stärke<, zu der Verwechslung dieser beiden Karten bei, was den O.T.O. (Orden der goldenen Dämmerung) veranlaßte, den Platz dieser beiden Karten zu vertauschen. Aus gnostischer Sicht erscheint Gerechtigkeit auf ihrer ursprünglichen Position an achter Stelle, zwischen dem kecken Helden des Triumphwagens und dem Eremiten (Nr.9), der seine einsame Pilgerschaft beginnt, eher sinnvoll. In dieser Reihenfolge deuten die drei Karten auf eine typische östliche Vorstellung hin, daß nach der Phase des bhavanan, des Ehestandes und weltlichen Erfolgs - das karmische Gesetz verlangte, daß ein Mensch seine materiellen Besitzgüter auf geben mußte, sollte seine Familie nicht von einer fatalen Vergeltungsmaßnahme heimgesucht werden. Er sollte sich allein in die Wildnis zurückziehen, um zu fasten und zu meditieren. Auf diese Weise konnte er eine spirituellere Lebensstufe erreichen und die Erleuchtung des reifen Erwachsenenseins erlangen; dies scheint die grundlegende Bedeutung der Karte des Einsiedlers gewesen zu sein.

Man kannte die Karte der Gerechtigkeit auch als >die Richterin<, Ma (Maat) oder als Maria Magdalena. Das Auftauchen Maria Magdalenas in der Tarottradition ist vielleicht auf die gnostische Ansicht zurückzuführen, daß sie und nicht Petrus der wahre Papst sei; sie erhielt ihre spirituelle Macht direkt von Jesus und gab sie an ihre gnostischen Jünger weiter. Im Gespräch mit dem Erlöser wird sie als »die Frau, die das Ganze wußte« bezeichnet, deren Weisheit, Weitsicht und Einsicht die aller anderen männlichen Apostel überragte. Im Evangelium der Maria wird sie mit der jungfräulichen Himmelskönigin als eine trinitarische Göttinnengestalt gleichgesetzt, und es wird gesagt, alle drei Marien des Evangeliums seinen ein und dieselbe. In Jesus< Worten war sie »Mariham, die Glückliche, Erbin des Königreichs des Lichts.« In anderen gnostischen Schriften wird sie als »ursprüngliche weibliche Kraft« bezeichnet, die erste und die letzte, die Hure und die Heilige, die Ehefrau und die Jungfrau, die Mutter und die Tochter. Mittelalterliche Christen verehrten sie als Heilige und machten aus ihr eine weitere Personifizierung der heidnischen Großen Mutter, und sprachen ihr die Herrschaft über alle Weisheit, Liebe, Geburt und Tod zu. Sie regierte die Nahrungserzeugung auf Erden, und sie konnte die Toten zum Leben erwecken. Aus diesem Grunde sind die von ihr gehaltenen Waagschalen die gleichen wie die in den Händen vieler älterer Göttinnengestalten: sie beherrschte das Gleichgewicht des Schicksals und wog die Gerechtigkeit.

Nach einigen neueren Darstellungen der Gerechtigkeit in der westlichen Ikonographie trug sie eine Augenbinde. Der Ursprung dieser Binde liegt im Dunkeln. Vielleicht stellte sie eine kirchliche Hinzufügung dar, die darauf hinweisen sollte, daß die Urteilsfindung der Göttin willkürlich oder unvernünftig sei. Aber für das Tarot wurden ihre früheren Abbilder übernommen. Ihre Karte zeigte die Gerechtigkeit mit dem gerade blickendem, durchdringendem und allessehendem Auge, das ursprünglich der Maat zugesprochen wurde.

Eine Frau als natürliche Richterin der männlichen Aktivitäten war eine sehr alte Vorstellung, die bis in die matriarchalische Jungsteinzeit zurückgeht, vielleicht sogar noch weiter zurück - in eine Zeit, als

Frauen sich ihre Männer aussuchten, so wie auch weibliche Tiere, indem sie die männlichen Leistungen durch Aufgaben und Wettbewerbe kritisch begutachteten. Die ältesten Mythologien zeigen auf, daß die ersten Gesetzestafeln auf Bergesgipfeln durch die Göttin und nicht durch den Gott überreicht wurden, wie es die Bibel darstellt. Die Sumerer glaubten, die Mutter Tiamat, die Schöpferin, hätte die Gesetzestafeln ihrem erstgeborenen Sohn Kingru, dem ersten Herrn der Welt, überreicht, dessen Opferblut zukünftige Generationen nährte. Die ägäische Große Mutter Demeter - unter ihrem älteren Namen Rhea Dictynna (Rhea, die Gesetzgeberin), diktierte ihre Edikte den Königen von Minos auf dem Berg Dicte, ihrem heiligen Berg des Wortes. Sie galt für lange Zeit unter ihrem Namen Nemesis («rechte Gesetze«) als höchste Gesetzgeberin,

Stammesmütter waren im vorpatriarchalen Israel (Buch der Richter 4,4) und auch im vorchristlichen Europa die Richterinnen, bis die Kirche sich ihrer Autorität bemächtigte und sie als Hexen bezeichnete. Dennoch behielten sie noch lange Zeit ihre richterlichen Funktionen bei. Die Magna Charta von Chester erwähnt iudices de Wich - Rechtssprecherinnen oder Richterinnen, die gleichfalls Hexen waren. Das heißt, sie waren die »weisen Frauen«, die von den Stammesmüttern ihre Rolle übernommen hatten. Bis in die Renaissance war die Gestalt der Gerechtigkeit immer noch gleichbedeutend mit Astraea-Erigone. Der Dichter Filefo nannte sie »die königliche und große Göttin, deren Städte und Reiche in Pracht erblühen; ohne sie kann kein Königreich lange währen.«

 

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