Die Herrscherin – Tarotkarte Nr 3 . Bedeutung

Manuel G | 13. April 2021

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Wenn der orphische Initiand das innere Heiligtum betrat, erschienen ihm die Abbilder der All-Mutter Demeter und ihrer Tochter Kore, die - wie die Herrscherin und die Päpstin im Tarot - nebeneinandersaßen.Kore stand für die jungfräuliche Weisheit< und das heilige Herz (engl. core = Kern, franz. coeur) der Mutter. Sie war der Augapfel ihrer Mutter; aus diesem Grunde entdeckten die Alten ihr Pentakel (Fünfstern) im Kerngehäuse eines Apfels. Sie war ein Geist des Frühlings und der Schöpfung; aber sie wurde auch mit Persephone, der Zerstörerin, dem Greisinnenaspekt der gleichen Göttin verwechselt. Unter den weitverbreiteten Variationen ihres Namens waren Car, Kari, Q’re, Kauri, Carna und Car-Dia. Die Römer nannten sie Ceres Legifera, die Gesetzgeberin. Ihr ins naturale, das natürliche Gesetz, bestimmte die matriarchalen Gesellschaften im alten Latium. Sie wurde von rächenden Todeshunden begleitet, die aus ihr selbst hervorgegangen und als Keres oder Furien bekannt waren; diese ahndeten Verstöße gegen das Muttergesetz. Die Tarotpäpstin, auch eine weise Jungfrau, wurde auf ihrer entsprechenden Karte >der Mond< gleichfalls von Mondhunden begleitet.

Wenn also die Päpstin die Stellung der Weisen Jungfrau innehatte, dann war die Herrscherin die All-Mutter. Die zur Herrscherin gehörende Karte war >der Stern< (Trumpf Nr. 17), ein verbreitetes Attribut der großen Göttin. Einige ihrer alten Namen bedeuteten einfach >Stern<, wie z.B. Ishtar, Astarte, Esther, Astraea, Stella Maris oder Ostara, welche jene Göttin Eostra war, nach der das Osterfest benannt wurde. Die sternenförmige Osterlilie (weiße Lilie, ein Liliengewächs - bei uns ist die Osterglocke, ein Narzissengewächs, mehr verbreitet) war einstmals ihr yonisches Symbol, und entwickelte sich wahrscheinlich aus dem Assyrischen lilu, »Lotus«, eine Abwandlung des padma-Lotus, der im Osten als das Geschlechtszeichen der Göttin galt. Lilith lautete ein anderer alter Name der Göttin, was wiederum auf die Blume hinweist und gleichzeitig auch ein Name für die Tarotherrscherin war.

In Ägypten stellte die gleiche Blume Isis oder Hathor dar, »der große Welt-Lotus, aus der die Sonne zu Beginn der Schöpfung aufstieg.«

Durch dieselbe Blume empfing die Gesegnete Jungfrau Juno auf wunderbare Weise ihren Rettersohn Mars. Sie war selbstverständlich das heidnische Vorbild der christlichen Göttin, die deren Lilie, Sternenkrone und den Namen Stella Maris übernahm. Dieselbe Sternenkrone erscheint bei vielen Tarotblättern auf dem Haupt der Herrscherin und sie wird auch häufig den Königinnen (Damen) der Standardfarben beigefügt.

Als Herrin der Erde und des Meeres hielt Demeter eine Getreideähre und einen Delphin; dies war ihr ikonisches Versprechen, die Brotlaibe und Fische zu vermehren: das eleusinische Wunder, welches ins Neue Testament übernommen wurde. Im Tarot wird die gleiche Bedeutung durch das von den Freimaurern übernommene gnostische Symbol für die Fruchtbarkeit der Erde und des Meeres ausgedrückt: eine Getreideähre direkt in der Nähe eines Wasserfalls. Hier thronte die Herrscherin manchmal inmitten eines Weizenfeldes in der Nähe eines Wasserfalls und hielt eine Getreideähre in ihrer Hand. Einige Tarotdeu- ter betonten die Fruchtbarkeitsmacht noch durch ihre angebliche Schwangerschaft.

In Demeters Kultstätte in Eleusis, »Advent«, feierte man die Ankunft (advent) ihres göttlichen Kindes, das aus dem Erdenschoß wiedergeborene Korn. Dieser als ihr Rettersohn dargestellte Vegetationsgott wurde verschiedentlich als Dionysos, Triptolemus, lasion oder Elentheros, »der Befreier«, bezeichnet. So wie das Korn wurde er in eine Krippe bzw. einen Getreidkorb gelegt. Er wurde getötet (abgeerntet), begraben (gesät) und dann wiedererweckt (zum Keimen gebracht). Sein Leib wurde als Brot verspeist, sein Blut als Wein getrunken. Er wurde auf dem Fest des Tennenbodens (griech. halos) vergöttlicht. Aus dieser eleusinischen Apotheose entstand das christliche Symbol der Vergöttlichung: der Heiligenschein (engl, halo) und natürlich auch die Vorstellung von einem Retter, der im sakralen Sinne verspeist wird.

Die letzte Enthüllung der eleusinischen Mysterien war eine Getreideähre, die »in der Stille geerntet« wurde, was gleichzeitig den Tod des Retters um der Menschheit willen als auch den Samen seines zukünftigen Lebens darstellte. Das gleiche Symbol stand für weitere Vegetationsgötter, wie z,B. für den syrischen Adonis, Tammuz, Osiris, den früheren bäuerlichen Mars und den Baal des mittleren Ostens, »der Herr«, ein Gefährte der Astarte. In Astartes Tempel zu Byblos wurde die Getreideähre als shibboleth bezeichnet, ein Begriff, den die Juden als magisches Losungswort übernahmen (Buch der Richter 12,6). Wegen dessen Beziehung zu heidnischen Riten wurde shibboleth später als falsche Gottheit bezeichnet.

Zu den eleusinischen Initiationen gehörten bestimmte geheime »gesehene, gehörte und geschmeckte Dinge«, was darauf hindeutet, daß die berühmten drei Affen, die ihre Augen, Ohren und Mäuler zuhalten, ursprünglich als eine Warnung vor den heidnischen Mysterien gedacht waren. Die Christen lehnten ganz besonders die eleusinischen Sexualriten ab, die seit uralter Zeit ein integraler Bestandteil der Mysterien waren. Tertullian brandmarkte »die Hurereien von Eleusis« und Asterius schrieb:

»Bedeutet Eleusis nicht ein Abstieg in die Dunkelheit und gleichsam der feierliche Geschlechtsakt zwischen dem Oberpriester und der Priesterin? Sind die Fackeln nicht gelöscht und glaubt die große, zahllose Versammlung der einfachen Menschen nicht daran, ihre Erlösung liege in dem, was diese beiden in der Dunkelheit treiben?«

Tatsächlich dachten die Menschen so. Dieser Glaube beruhigte sie durch die Vorstellung, vor der endgültigen Auflösung nach dem Tode errettet worden zu sein. Man glaubte, daß der zeremonielle Geschlechtsakt »eine Verjüngung und die Vergebung der Sünden« bewirke. Pindar schrieb: »Glücklich der, welcher diese Riten gesehen hat, bevor er unter die Erde gehen muß; er kennt des Lebens Vollendung, er kennt dessen göttlichen Ursprung.«

Später praktizierten christlich-gnostische Sekten aus dem gleichen Grunde sexuelle Rituale. Die Valentiner vollzogen einen »Ritus der spirituellen Vermählung mit Engeln innerhalb der Hochzeitskammer«, deren Auswirkungen ebenso physischer wie spiritueller Art waren. Mitglieder dieser Gemeinschaft übernahmen den alten Gott als mythischen hl. Valentin, dem Beschützer der Liebenden. Sein Festtag entwickelte sich aus heidnischen Orgien der Lupercalia im heiligen Monat der Juno Februata, jener Göttin des heiligen >Fiebers< (febris) der sexuellen Leidenschaft. Nach dem Zeremoniell wurde sie wieder zur Jungfrau, um ihr göttliches Kind neu zu empfangen. Im späten fünften Jahrhundert eignete sich die christliche Kirche dieses heidnische Fest an und nannte es von nun an das Fest der Läuterung der Jungfrau; der Tag wird vom Volk bis heute immer noch als Valentinstag gefeiert.

Die Botschaft, die eine Verbindung der jungfräulichen und der sexuell-mütterlichen Aspekte der Göttin vermittelte, war eine besondere Provokation für die patriarchale Gesellschaft. Diese kann nämlich kaum begreifen, daß der weibliche Geist niemals ganz das eine oder andere ist, sondern, so wie bei wirklichen Frauen, eine zyklische Kombination beider Aspekte. Die patriarchalen Gesellschaften, und dabei besonders die christliche, betonten, daß Frauen - ob sie nun sterblich oder übernatürlich seien - immer nur >gut< oder >böse< sein könnten. Die >Gute< wurde durch die nicht-sexuelle göttliche Jungfrau oder Nonne dar gestellt, die >Böse< durch den lüsternen weiblichen Teufel, die Verführerin, die heidnische »Liebesgöttin«, sowie auch durch die Mehrzahl der gewöhnlichen Frauen mit normalen sexuellen Bedürfnissen. Aus diesem Grunde wurden die Frauen dazu gebracht, ihre eigene Körperlichkeit als schändlich zu empfinden und zwar auf eine Weise, wie es für die Männer nicht galt. Die paganistische Vorstellung war hingegen viel realistischer: die Göttin selbst und alle Frauen, die ihren Geist verkörpern, sind sowohl jungfräulich/spirituell als auch sexuell/mütterlich und dies entsprechend ihrer eigenen inneren Zyklen bzw. der verschiedenen Phasen ihres Lebens. Kein Aspekt des weiblichen Archetyps sollte auf Kosten des anderen vernachlässigt oder bevorzugt werden. Aber noch wichtiger (und am unchristlichsten) war, daß die Göttin für ihre überwältigende Sexualität genauso verehrt werden sollte wie für jeden anderen Aspekt ihres komplexen Wesens.

Trotz der Feindseligkeit der christlichen Autoritäten verehrten die Menschen im christlichen Zeitalter weiterhin die eleusinische Göttin. Demeter wurde viel länger aktiv verehrt als der judäo-christliche Gott. Bereits vor dem 13.Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung war ihr Kult im mykenisch-ägyptischen Bereich fest verankert. Griechische Bauern verehrten in Eleusis ihre Göttin der Erde und des Meeres bis ins 19 Jahrhundert unserer Zeit, als zwei Engländer namens Clarke und Cripps einen Aufruhr entfachten, als sie das Standbild der Göttin stahlen, um es in einem Museum in Cambridge aufzustellen.

Es wurde zwar niemals offiziell veröffentlicht, aber tatsächlich wurde Demeter im Mittelalter als Demetra heiliggesprochen; diese soll die Macht besessen haben, Tote wieder lebendig zu machen - ein Widerhall ihrer alten Reinkarnationslehre, die von der neuen Religion als ketzerisch erklärt worden war. Demeters Attribute waren die weiße Taube der Wiedergeburt und die Apfel des ewigen Lebens; diese waren auch Symbole der syrischen und vorhellenistischen Zwillinge Aphrodite und Fiera. Wie ihr phrygisches Ebenbild Cybele und ihr hinduisti- sches Gegenstück Kurukulla (Kali) wurde auch die arkadische Demeter mit Fiöhlen und Gräbern in Verbindung gebracht. Als Königin der Unterwelt trug sie den Beinamen Melaina, »die Schwarze«, oder Chtonia, »die Unterirdische«. Teilweise hieß sie auch einfach Daeira, »die Göttin«.

Die vielen Namen dieser archetypischen Muttergestalt waren nur

Verkleidungen für dieselbe monotheistische weibliche Gottheit, deren essentielle Einheit sich in den Überschneidungen und der Austauschbarkeit ihrer Funktionen darstellte, ganz gleich, wie sehr sich spätere Gelehrte auch darum bemühten, sie in eine Vielzahl von >Göttinnen< aufzugliedern. Sie erschien mehr als nur einmal im Tarot. Einige Interpreten setzten sie mit der anima> dem weiblichen Aspekt der Seele gleich, der C.G.Jung eine kreative Eigenschaft zuschrieb, die sich aus der zuerst herausbildenden Erfahrung von der Mutter entwickelte. Die Anima wurde als zeitlose Weise bezeichnet und symbolisch mit den beiden weiblichen Elementen Erde und Wasser in Verbindung gesetzt.

Genau wie ihr jungfräulicher Aspekt, die Päpstin, wurden die Eigenschaften der Tarot-Herrscherin aufgrund religiöser und politischer Pressionen verändert. Während der nachrevolutionären Zeit in Frankreich, als Adelstitel einen schlechten Beigeschmack hatten, wurde sie in Großmutter umbenannt. Aber das war keineswegs so neu wie es die französischen Kartenhersteller vermuteten. >Großmutter< war seit Beginn der Geschichte ein weiterer gebräuchlicher Titel der Großen Göttin gewesen.

 

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