Die Liebenden – Tarotkarte Nr 6 . Bedeutung

Manuel G | 13. April 2021

r6

Auf einem tantrischen Lebensrad stellt das sechste Bild zwei sich küssende Liebende dar. Die Bedeutung dieses Bildes lautete Sparsa, »Kontakt«, eine erste Begegnung des Selbst mit einem anderen. Das nächste Bild war Vedana, »Gefühl«, das durch die Sinne erwachende Bewußtsein, welches durch einen Pfeil symbolisiert wurde, der gerade das Auge eines Menschen traf.

Das sechste Bild der Großen Arkana zeigt ebenfalls ein Liebespaar, auf das der Liebesgott seinen Pfeil richtet. Frühe Gringonneur-Karten zeigten ein sich küssendes Paar, während die göttlichen amoretti während eines Festzugs oder Prozession gerade die Liebespfeile auf andere Paare richteten.

Diese Bilder enthielten eine für die tantrische Philosophie typische Aussage: nur durch die körperliche Vereinigung mit einem weiblichen Wesen konnte ein Mann oder ein Gott den wahren >Kontakt< mit der Realität bekommen und auch die Macht, damit umzugehen. »Frauen sind Devas« (Göttinnen), sagten die tantrischen Weisen, »Frauen sind das Leben selbst.« Die Göttin stand unter ihrem Titel Bhavani (»Existenz«) für die reale Welt. Ein Mann oder ein Gott waren erst dann vollständig, wenn sie sich mit dem Geist der Göttin auf der Stufe des Bhavanans, dem »Ehestand«, vereinigt hatten. Für den Erleuchteten bedeutete Leben die Suche nach der Göttin, die nur durch Vedana begriffen werden konnte. Der Dichter Ramaprasada sagte: »Durch Gefühl erkennt man sie. Wie könnte man sie finden, wenn zu wenig Gefühl da ist?«

Mystiker überall in der Welt hatten die gleiche Meinung über die Wichtigkeit des weiblichen Einflusses auf das Leben eines Weisen. Die Sufis behaupteten, daß jeder Mann einer weiblichen fravashi, eines »Geistes des Weges« bedürfe, eines Wesens, das der tantrischen Shakti sehr ähnlich ist. Sie war die Qis-Mah eines jeden Mannes, eine vom Mond (arab. mah) gesandte Geliebte. Ihr Name wurde von den Türken in kismet, »Schicksal«, verfälscht.

Die Orpheussänger glaubten, daß jeder Mann seine Dike («Schicksal«) in Gestalt einer geliebten Frau umarmen müsse, so wie Orpheus seine Eurydike umarmte, deren Name wie der tantrische Geist des

Karmas »Kosmisches Schicksal« bedeutete. Der Novize auf der orphischen Schale traf seine Dike in Gestalt einer Märchenkönigin, die ihn mit ihrem Zauberstab berührte, um ihm die Augen für die Realität des Lebens zu öffnen.

Es war für Schamanen, Priester, Weise und andere heilige Männer im Osten allgemein üblich, eine spirituell-sexuelle Ehe einzugehen, bevor sie in den Vollbesitz ihrer eigenen Kräfte kommen konnten. »Eine wichtige Aussage in der >Frauenmythologie< ist der Tatsache gewidmet, daß es immer ein weibliches Wesen war, welches dem Helden half, Unsterblichkeit zu erlangen oder seine Einweihungsprüfungen erfolgreich zu bestehen.« Wie die Medizinmänner der amerikanischen Indianer mußten auch die Brahmanen der Hindus, die Priester der Juden und Römer ihre spirituelle Autorität durch eine Ehe erlangen. Roms Hohepriester, der >Flamen Dialis<, konnte nur während der Zeit seiner Ehe mit Flamincia, der Hohepriesterin Junos, im Amt bleiben. Im Falle ihres Todes verlor er automatisch seine Stellung und seinen Status.

Diese Bräuche können zurückverfolgt werden auf die alte Vorstellung einer heiligen Ehe, durch die ein Mann, König oder Gott seine Macht durch die sexuelle Vereinigung entwickeln konnte. Darum hatte König Salomon eine Beziehung zur Priesterin der Ishtar-Astarte, die in den heute noch in der Bibel erhaltenen Hochzeitsliedern Shulamite genannt wird. Durch die Macht, die sich aus der Beziehung zur Königin von Saba entfaltete, erhielt Salomon 666 Zentner Gold in einem Jahr (1.Könige 10,14). Diese Zahl ist keine reale, sondern eine magische Zahl, die sonst in der Bibel als die berühmte »Zahl des Tieres« bezeichnet wird (Offb. 13,18).

Das Tier 666 war ursprünglich die Bestie mit den zwei Hinterteilen, der Urandrogyn, der angeblich einem Mann und einer Frau in sexueller Vereinigung ähnelte. So wie das Hexagramm war die Zahl 666 ein Zauberzeichen der dreifachen Aphrodite (Astarte). Pythagoräische Mystiker bezeichneten die Zahl 6 als die vollkommene Zahl oder >Die Mutter<. Im Lateinischen war sex Sex, das ägyptische sexen bedeutete »Umarmung« oder »kopulieren«. Das davon abgeleitete Wort seshemu, »sexuelle Vereinigung«, wurde in seiner hieroglyphischen Form durch einen Phallus dargestellt, der in einer gewölbten Yoni steckte. Das gleiche Wort wiederholte sich in sufischen Liebesritualen und wurde zu einer Zauberformel, durch die sich die Tore zu den geheimen >uterinen< Höhlen arabischer Märchen öffneten: »Sesam, öffne dich!« Aus diesem Grunde war die Zahl 6, Sex - von den christlichen Autoritäten als Zahl der Sünde bezeichnet - für den sechsten Tarottrumpf mit seiner

Botschaft der Liebe besonders geeignet.

Im Mittelalter richtete die Kirche ihren Zorn gegen die Religion der Liebe, obwohl die halbheidnischen Minnesinger weiterhin die Göttin als Minne, d.h. »Liebe«, verehrten. Einer beschrieb sie so: »Sie ähnelt nichts Vorstellbarem. Ihren Namen weiß man, ihr Selbst ist unbegreiflich. Sie kehrt niemals in falsche Herzen ein.« Für jeden Mann war sie in seiner menschlichen Geliebten inkarniert. Aber Priester und Mönche erhoben Einspruch gegen die »Schändlichkeit von Liebenden, die - Gott vergessend - aus der geliebten Frau eine Gottheit machen.« Anstatt Gott zu lieben, liebten die Barden nach Aussage des Klerus »auf sündige Weise Frauen, aus der sie Gottheiten machen; und wer immer diese verehrt, dient sicherlich dem Satan und macht den verräterischen Teufel zu einem Gott.« Grunewalds häßliches Gemälde »Die Verdammung der Liebenden« verdeutlicht das schreckliche Schicksal von Paaren, die sich des Verbrechens der Liebe schuldig gemacht hatten, welches die unverheirateten Mönche als ein Vergehen in den Augen Gottes bezeichneten.

Es war nicht nur die ehebrecherische Liebe, die den christlichen Priestern ein Dorn im Auge war, sondern auch die Ehe an sich. Fest an die Notwendigkeit des universellen Zölibats zur Erlangung der Erlösung glaubend, widersetzten sich die frühen christlichen Väter der Heirat und bezeichneten die Ehe als eine »verdorbene und unreine Lebensweise.« Tertullian nannte die Ehe ein moralisches Verbrechen, »abscheulicher als jede Folter oder den Tod.« Origen sagte: »Der Ehestand ist unrein und unheilig, er fördert die sexuelle Leidenschaft.« Der hl. Hieronymus erklärte die Zerstörung der Institution Ehe als das oberste Gebot eines Gottesmenschen.

Während der ersten Hälfte der christlichen Ära war die Heirat kein christliches Sakrament. Die Gelehrten behaupteten, die Hochzeitszeremonie sei einer zögernden Kirche »aufgedrängt« worden, und »es ist erstaunlich, mit welcher Langsamkeit liturgische Formen für die Hochzeitszeremonie entwickelt worden sind «18 Erst im ^.Jahrhundert war es für die katholischen Priester möglich, ein frisch verheiratetes Paar zu segnen. LTnd sogar dann noch mußte die »Verunreinigung« der Vermählung außerhalb der Kirche bleiben. Der Segen wurde nur in fade ecdesiae - auf den Kirchenstufen außerhalb der Kirche vollzogen.

Die Vertreter der Kirche lehnten die Hochzeitszeremonie ab, weil dieses Ritual seit Jahrhunderten von Priesterinnen der Göttin ausgeführt worden war, die jede Phase der menschlichen Liebe regelten: sexuelle Vereinigung, die Empfängnis und Schwangerschaft, die Geburt, das Stillen und die mütterliche Fürsorge. Im Hochzeitsritual gibt es bis heute noch viele heidnische Elemente, welche von den christlichen Kirchen übernommen wurden. »Der Gottesdienst der Kirche bei der Hochzeit ist aufdringlich, kein wirklicher Teil der Vermählung, sondern eine umständliche Weise, ein Zeremoniell zu segnen - oder was davon übriggeblieben ist - das auf einer echten Trauungsfeierlichkeit beruht.«

In vorchristlicher Zeit wurde eine Vermählung durch die Priesterin oder die Stammes-Medizinfrau ausgeführt. Die Liebeserzählungen der Minnesänger berichten von Liebenden, die durch eine ältere Frau zusammengeführt wurden - manchmal war dies eine Amme oder eine Heilzauberin, typische Umschreibungen der Priesterin durch die Sänger. Die bekannten Liebenden Tristan und Iseult (Isolde) wurden durch die Zauberin Brangwain zusammengeführt; Brangwain ist keine andere als die Göttin Branwen, welche den Kessel der Erneuerung hütete. Bei den Zigeunern waren üblicherweise auch die Frauen für die Heirat zuständig, und die Vermählungen wurden durch einen Austausch von Blut vollzogen und mit Hexenritualen wie dem Springen über den Besen bereichert. Eine ältere, dem Mond geweihte Priesterin unterrichtete die Paare über ihre ehelichen Pflichten.

Obwohl die Tarotkarte ein junges Paar zeigt, welches einer älteren Frau gegenübersteht, die anscheinend auf sie einredet oder sie mit erhobener Hand segnet, und obwohl die Karte häufig den Titel »Eheschließung« trug, wollten es männliche Kartendeuter nicht wahrhaben, daß dieses Bild eine Trauung darstellt, weil eine Frau ihr Amt in Eigenschaft als Priesterin ausübte. Einige weit hergeholte Interpretationen wurden versucht, um die Naheliegende zu vermeiden. Es wurde behauptet, die Karte der Liebenden zeige einen Mann, der vor einer schwierigen Wahl zwischen Ehefrau und Mutter stehe oder zwischen Tugend und Untugend oder zwischen Leidenschaft und Gewissen; manche sagten, der Mann »müsse sich zwischen weltlicher und geistiger Liebe« entscheiden.

Als Einweihungssymbole mußten die Tarottrümpfe selbstverständlich eine Vermählung mit einschließen. Die romantische' Literatur und die orientalischen Glaubensbekenntnisse besagten, daß eine heilige Vermählung für den Initianden auf der sechsten Stufe (vedana) notwendig sei. Dieses System kannte man sowohl in Europa als auch im Osten. Parzival verbrachte seine Jugend als bäuerlicher Narr, und dann begann er die Geheimnisse des Rittertums unter der Schutzherrschaft seiner Geliebten Blanchefleur (Weiße Blume) zu erlernen. Diese wurde von christlichen Mönchen so stark abgelehnt, daß sie behaupteten, sie sei die Braut des Teufels und die Mutter des Antichristen.

Es gibt kaum einen Zweifel, daß Blanchefleur eine westliche Gestalt der Shakti war, eine Vorstellung, die sowohl im nordwestlichen Zipfel als auch im südöstlichen des eurasischen Kontinents weitverbreitet war. Der Vorläufer des Parzival, der Peredur des walisischen Volksepos, wurde von seiner feenhaften Geliebten unterrichtet, deren Heimat Indien und deren Farben die gleichen der heiligen gunas der großen Shakti waren: weiß, rot, schwarz. Im ältesten bekannten sächsischen Volksepos, dem Beowulf\ heißt es, Indien sei die Heimat der alten sächsischen Ostergöttin Eostre, die gleichfalls Astarte war und deutlich an die dreifache Kali erinnerte.

Eine weitere Verbindung zwischen dem Tarot und der tantrischen Symbolik stellt die numerische Verbindung zwischen der Karte >die Liebendem und des Trumpfes Nr. 14 der engelhaften >Mäßigkeit< dar, die ihre Wasser von einem Gefäß in ein anderes schüttet. Der Zusammenhang ist zu offensichtlich, um als reine Zufälligkeit abgetan zu werden. Die tantrischen Weisen glaubten, eine von der Göttin gesegnete sexuelle Vereinigung verbinde die Liebenden so vollkommen wie »das Fließen von Wasser ins Wasser.«27 Der Engel der Mäßigkeit stand also für ein spirituelles Ideal irdischer Liebender.

Einige Tarotdeuter interpretierten den Namen >Mäßigkeit< (engl. Temperance) im heutigen Sinne von »Maßhalten«. Aber vor sieben Jahrhunderten hatte dies eine andere Bedeutung. Es kommt aus dem Lateinischen temperare - »Elemente vermischen oder zusammenfügen«. Eine andere Ableitung war temperament, jene besondere Mischung der vier Elemente, welche die Persönlichkeitsstruktur bilden und die klugen Liebenden dahin führten, sich mit einem Partner zu vereinigen, dessen Temperament wirklich mit dem eigenen überein- stimmte. Als irdische Repräsentantin des die Elemente verbindenden Engels half die weise Frau den Liebenden, sich gegenseitig zu finden.

 

Die beliebtesten Artikel

r21

Die Welt – Tarotkarte Nr 21 . Bedeutung

0Der wahre letzte Trumpf trug wie die abgebildete…
r7

Der Triumphwagen – Tarotkarte Nr 7 . Bedeutung

0Der siebte Trumpf wurde unterschiedlich als >der…
r2

Die Päpstin – Tarotkarte Nr 2 . Bedeutung

0Die Päpstin war wahrscheinlich die vom…
r5

Der Papst – Tarotkarte Nr 5 . Bedeutung

0Der Tarotpapst ist eine besonders rätselhafte…
r10

Das Glücksrad – Tarotkarte Nr 10 . Bedeutung

0Das Glücksrad ist eine Ableitung des lateinischen…
r4

Der Herrscher – Tarotkarte Nr 4 . Bedeutung

0Einige der herausragenden Symbole des Herrschers…
r1

Der Magier – Tarotkarte Nr 1 . Bedeutung

0Die erste der nummerierten Figuren der Großen…
r16

Das Haus Gottes (Der Turm) – Tarotkarte Nr 16 . Bedeutung

0Das Haus Gottes, auch bekannt als der vom Blitz…
r3

Die Herrscherin – Tarotkarte Nr 3 . Bedeutung

0Wenn der orphische Initiand das innere Heiligtum…
r9

Der Einsiedler – Tarotkarte Nr 9 . Bedeutung

0Nach der tantrischen Tradition sollte dem…
r11

Stärke – Tarotkarte Nr 11 . Bedeutung

0In der christlichen Gesellschaft gelten die…
r14

Die Mäßigkeit – Tarotkarte Nr 14 . Bedeutung

0Viele Tarotdeuter haben über die Stellung des…