Die Sonne – Tarotkarte Nr 19 . Bedeutung

Manuel G | 13. April 2021

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Auf traditionellen Tarotblätter werden zwei nackte Kinder auf der Sonnenkarte abgebildet: ein Junge und ein Mädchen, die zusammen vor einer Gartenmauer tanzen. Die vielleicht am leichtesten zugängliche Interpretation findet man in den Mythen Nordeuropas, nach deren uralten arischen Glaubensvorstellungen die Sonne eine weibliche Gottheit, der »Glanz der Elfen«, war, die eine neue Sonnentochter nach dem Untergang des jetzigen Universums gebären würde. Diese neue junge Sonnengöttin würde über eine neue und bessere Schöpfung herrschen. Im Garten des zukünftigen Edens würden die ersten beiden menschlichen Wesen zusammen aufwachsen. Das Mädchen würde zur zukünftigen Mutter alles Lebenden, eine Frau namens Leben (Lif). Der Junge würde ihr Gemahl werden, ein Mann namens >Begehrer des Lebens^

Diese beiden scheinen nicht nur zukünftige Inkarnationen des vorbiblischen Paares Adam und Eva gewesen zu sein, sondern auch Projektionen der Sonnen-Mond-Zwillinge, die in den meisten indoeuropäischen Mythologien Vorkommen. Beispielsweise waren Isis und Osiris Zwillinge, die sich sogar im Mutterleib vereinigten und Nachkommen zeugten, den älteren Horus. Als Isis den jüngeren Horus gebar, der ihr reinkarnierter Bruder-Gemahl war, sagte sie: »Die Frucht, die ich trug, ist zur Sonne geworden.« Wenn sie als himmlische Mondkuh erschien, war er ihr goldenes Kalb - jenes goldene Kalb, das die Israeliten aus Ägypten mitbrachten.

Apollo und Artemis waren ein ähnliches Paar, das im Leib ihrer Mutter Leto oder Latona, einer weiteren Personifizierung der Urdun- kelheit, vereinigt war. Apollo vermählte sich mit seiner Schwester Artemis auf dem Altar seines Tempels zu Delos. Die lemnischen Kabiren feierten jedes Jahr zur Wintersonnwende seine Wiedergeburt, indem sie ein »neues Feuer« von seinem Altar trugen, um ihre Feuerstellen damit zu entfachen. Die Zeremonie des neuen Feuers wurde vom Christentum übernommen und wird heute noch jedes Jahr auf dem Berg Lycabettus vollzogen. Die Kabiren verehrten das männlich-weibliche Paar als Gemini (Zwillinge); und dies ist auch eine weitere Bezeichnung für die Sonnenkarte des Tarot. Als er erwachsen

war, wurde ihr Sonnengott durch die übliche jungfräuliche Geburt in der Person von Herakles »verkörperte Sowohl der Gott als auch dessen irdische Inkarnation trugen den Beinamen >Erlöser< (Soter).

Diodorus zitierte den Historiker Hekateus bezüglich des Mondtempels auf der hyperboreischen Insel, auf der Latona geboren wurde. Alle 19 Jahre besuchte Apollo diesen Tempel seiner »Mutter Nacht<.Zwei neuzehnjährige Perioden - d.h. zwei solare »große Jahre< - und ein lunares »großes Jahr< aus 18 Kalenderjahren vervollständigten einen der 56-Jahres-Zyklen, bei denen die Sonnen- und Mondumläufe Zusammentreffen. Diese Zahlen stimmen mit den Zahlen der Sonnen- Mondkarte im Tarot überein, und das ist kein bloßer Zufall. Möglicherweise deuten die Sonnenzwillinge des Tarot auf den doppelten 19-Jahres-Zyklus des großen Jahres hin. Die hyperboreische Insel, von der Hekateus spricht, war sicherlich Großbritannien, wo megalithische Tempel, wie z.B. Stonehenge, das große Jahr durch 56 Kreise markierten.

In Cornwall enthielten die Tempel des Sonnengottes 19 Steinpfähle, die kreisförmig angeordnet waren. In Kildare hüteten 19 Priesterinnen der keltischen Mondgöttin Birgit ein heiliges Feuer, welches gleich dem Feuer auf Vestas Altar niemals ausgehen durfte, denn es stand auf magische Weise mit dem Licht der Sonne in Verbindung. Das Christentum wandelte Birgit zu einer falschen Heiligen und ihren Tempel zu einem Konvent um, »»aber es wagte nicht, das Feuer zu löschen, welches noch ungefähr tausend Jahre lang bis zur Zeit der Reformation brannte.« Einige enthusiastische Verehrer Birgits behaupteten sogar, sie sei die Mutter des Christus.

In Norwegen wurden die Sonnen-Mond-Zwillinge mit der »Götter- dämmerung< (Ragnarök) als Kräfte der Schöpfung und der Zerstörung in Verbindung gebracht; man bezeichnete sie als Hjuki und Bil - von jakka, zusammenfügen oder vermehren, und bil, auseinanderbrechen oder auflösen. Diese Kräfte wurden durch zwei göttliche Kinder personifiziert, die von ihrer Mutter Mana, dem Mond, in den Himmel mitgenommen wurden. Sie holten das Wasser des Lebens »»aus dem Brunnen Byrgir in dem Kübel Soegr, der vom Pfahl Simul herabhing und den sie auf ihren Schultern trugen.« Diese Namen entstammen aus einer ganzen Reihe von Sternbildern. Hjuki und Bil repräsentierten die Sternenseelen des nächsten Universums, denn sie purzelten wie fallende Sterne vom Himmelsberg, um die Samen der Geburt und des Todes des nächsten Universums zu bringen. Ihr kosmischer Mythos wurden von christlichen Märchenerzählern trivialisiert und in das bekannte englische Paar Jack und Jill umgewandelt.

Das heidnische Paradies, das christliche Paradies und das neue Eden des kommenden kosmischen Kreislaufs wurde von den Menschen im Mittelalter häufig durcheinandergebracht. Einige glaubten, die Seelen gingen in den Himmel, um Engel oder Sterne zu werden. Andere wiederum sagten, sie würden in einer neuen Schöpfung wiedergeboren. Wieder andere meinten, sie gingen gen Westen, in das Märchenland der ewigen Jugend, in dem die Große Mutter herrsche und wo die Sonne sich ausruhe. Sonnengötter und Sonnenhelden gingen gewöhnlich in den Westen in ein Paradies, das viele Namen hatte: Land der Westler, Glückliche Inseln, Avalon, Elysium, Garten der Hesperiden, Insel der Toten usw. Selbst Thomas von Aquin glaubte an ein westliches Paradies und bestätigte, daß Elias und Esdras dort noch verweilten.

Auch die Tarot-Kinder weisen auf dieses westliche Land hin, welches die Iren das Land der Jugend (Thierna na Oge) nannten. Von seinem magischen Brunnen, einem Mondsymbol für das Menstruationsblut, dem »Blut des Lebens«, welches einmal im Monat überfloß, glaubte man, es gäbe jenen ewige Vitalität, die davon tranken. Ponce de Leon glaubte fest daran, diesen Jungbrunnen zu finden, indem er gen Westen segelte. Er behauptete sogar, ihn in Florida gefunden zu haben.

Die vom Wunderbrunnen verliehene »Ewige Jugend« war gleichfalls eine Bezeichnung für die Sonnenkarte des Tarot. Auf dieser Karte tanzten die Kinder in einem von Mauern umgebenen Garten - dem hortus conclusus oder »eingeschlossenen Garten«, der den Schoß der Jungfraumutter sowohl in ihrer heidnischen als auch in ihrer christlichen Form darstellte. In den orientalischen Schriften wird sie als >Nackte Göttin< bezeichnet, deren »Gewand« die Sonne ist, dem »herrlichsten Symbol der physischen Welt.« Sie wurde in die Bibel als »Frau, deren Kleidung die Sonne ist« (LMoses 12,1) übernommen und mit der Jungfrau Maria gleichgesetzt. Aber ursprünglich stellte sie die jungfräuliche Form der Greisin des Weltuntergangs bzw. die Mutter Nacht dar, aus derem »eingeschlossenen Garten« die Kinder der neuen Schöpfung kommen müssen.

Einige Tarotinterpreten sehen in den Sonnenkindern den Aufstieg aus dem Schoß der Dunkelheit, d.h. aus der dunklen Nacht der Schwangerschaft zwischen dem Tod des einen und der Wiedergeburt zu einem neuen Leben; dies entspricht den östlichen Vorstellungen einer zyklischen Reinkarnation und der immerwährenden Neuerschaffung der Welten. Da die Mondkarte die dunkle Nacht der Seele darstellen sollte und dessen mondige Aspekte offensichtlich einen Uterus symbolisierten, konnte danach nur die Karte der Wiedergeburt folgen. Die Kinder standen für die jungen Mond-Sonnen-Zwillinge einer neuen

Schöpfung, die mit freudiger Unschuld im neuen Eden, dem verborgenen Garten der Seele tanzten. Überall im mythischen Symbolismus findet man die Gleichsetzung einer kindlichen Existenz mit dem ursprünglichen Paradies, dem hortus conclusus, und einem Zustand der Glückseligkeit.

Das weltliche Gegenstück zu den Sonnenkindern war der Magier (Trumpf Nr.l), durch dessen Verbindung mit Hermes, dem Psycho- pompos, eine körperlich-mythische Beziehung zu den neugeborenen Seelen hergestellt wurde. Als Zauberer und Halbgott führte er das Selbst durch eine komplizierte Symbolik der Einweihung und könnte diese Kinder als eine vorbestimmte Offenbarung gezeigt haben, die auf früheren Stufen zurückgehalten wurde, denn ihr Inhalt konnte erst richtig verstanden werden, nachdem verschiedene andere Dinge bereits vermittelt worden waren.

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