Tarotkarte - Kelch-As: Kartenlegen

Manuel G | 27. Mai 2019

Die Göttin Minne, deren Name >Liebe< bedeutete, war die Patronin der mittelalterlichen Minnesänger: eine Inkarnation der Großen Mutter, die im vorchristlichen Europa als Aphrodite, Venus, Isis, Freya, Mari, Mana, Maerin, Mene, Diana, Juno und viele andere bekannt war. Die Minnesänger bezeichneten sich selbst als deren Ehrensöhne; sie feierten sie in ihren Dichtungen und im Minnedienst, dem »Frauendienst«, was von den Kirchenautoritäten als Ketzerei und sogar als eine Form der Teuf eis Verehrung betrachtet wurde.

Die Minne war oft als eine Wassernixe dargestellt. Sie erbte den Fischsymbolismus von der Mutter der Gewässer, der Spenderin der Liebe, des Lebens und der Fruchtbarkeit: das vesica piscisy Gefäß des Fisches, ein Abbild der weiblichen Genitalien, Sie ist auch der Wasserzeugende Vollmond, der >Perle des Meeres< genannt wurde; manchmal hat sie einen einzelnen oder doppelten Fischschwanz, den die alchemistischen Sirenen in sowohl der heidnischen als auch der christlichen Ikonographie tragen; sie wird auch mit dem Kelch oder Gral gleichgesetzt, ihrem Heiligen Herzen, was die Verbindung zwischen den Kelchen und den Herzen der Karten herstellt. Bei früheren Darstellungen des Heiligen Grals bzw. ihres Wassergefäßes personifizierte die Göttin das Herz der Welt. Angelsächsische Chronisten sprachen von einem mystischen Paradies »wo die Venus im Grale lebt.

Der Liebe wegen aß man am Tag der Venus, dem Freitag, Fisch; der Name Freitag ist eine Ableitung aus dem Namen ihres nordeuropäischen Ebenbildes Freya. Die Christen behielten diesen Brauch bei und gaben vor, dies sei ein Fastenmahl zu Ehren Christus. Aber es gibt bis heute Gebiete, in denen Menschen ihren alten Göttinnenglauben bewahrten und daran glauben, Fisch sei eine aphrodisierende Speise.

Die Christen behaupteten auch, der Fisch der Göttin sei eine Erfindung der frühen Kirche, um Christus zu symbolisieren. Aber lange vor dem Entstehen des Christentums bezog sich dieses Zeichen auf die Mutter in ihrem orgiastischen Aspekt als heilige Wollüstige mit einem »fisch-schwangeren Schoß«.3 Der Fisch war eines der ältesten Totem. Der weibliche Geschlechtsduft wurde sehr häufig mit dem Geruch von Fisch verglichen, Die wollüstige Göttin wurde in Indien als »eine Jungfrau namens Fischgerach« bezeichnet; ihr »eigentlicher Name aber lautete Wahrheit«.4 Als Matsya, dem kosmischen Fisch, der die Arche Ma-Nus durch den Schoß des Chaos der Zwischenwelten trug, hatte sie Namen wie die der ägyptischen Mutter Maat, was wiederum Wahrheit bedeutete. Die patriarchalischen Brahmanen deuteten Matsya zu einer Inkarnation ihres phallischen Gottes Vishnu um; aber in Ägypten behielt der Fisch seine weibliche Bedeutung als Yoni, die den phallischen Gott verschlang.5 Maat-Isis, als der Fisch des Abgrundes, wurde zuweilen als Ma-Nu oder als Abtu bezeichnet. In Griechenland wurde sowohl das Orakel zu Delphi als auch der heilige Delphin (delphinos) nach der Göttin als Delphos, dem griechischen Wort für »Schoß« benannt.

Die Griechen feierten orgiastische Feste namens Hysteria, ein weiterer Name für Schoß, zu Ehren der Göttin, deren kosmische Mutterschaft jede Form der Liebe inspirierte: sexuelle, elterliche Liebe, Stammeszugehörigkeit und soziale Solidarität, die Verbindungen von Geschwistern, Liebenden, Freunden usw. Im Namen der Göttin war sowohl die Sexualität als auch die Sinnlichkeit von liebenden Gefühlen begleitet und nicht mit Angst, Schuld oder Aggression verbunden, wie es für die patriarchalische Haltung charakteristisch ist.

Wasser, das Element der Kelch-Karten, war einstmals eine verbreitete Metapher für die allumfassende und allesumgebende Essenz der Liebe. Im Altertum sagte man, die Liebe nehme - genauso wie das Wasser - die Form des Gefäßes an, in welchem sie ruht; das Wasser sei unendlich beweglich, aber es könne niemals zerdrückt, verkleinert oder bezwungen werden. Beim Versuch, es fest mit der Hand zu umschließen, verschwindet es. Wenn man es sanft mit der Hand auffängt, dann behält es seine lebensspendende Qualität.

Eine Wasserpersonifikation der Göttin führt demzufolge das erste Blatt der Kelche, Herzen oder Grale an. Wasser stand für die Schöpferin, deren Schoß die Urtiefe darstellte. Es gab eine Zeit, in der man glaubte, Frauen gebärten aus ihren eigenen inneren Flüssigkeiten, die durch die Regung der Liebe in ihrem Herzen stimuliert würden — so wie auch die Große Mutter das Universum gebar. Das Kelch-As stand immer mit verwandten Vorstellungen dieses Glaubens in Verbindung:

Geburt, Anfänge, Fruchtbarkeit, Freude, Glück, Heim, Ernährung, Befriedigung und Fürsorge. Es ist eine wohlwollende Karte par excellence. Beim Wahrsagen wird sie als Steigerung anderer guter Einflüsse oder als eine mäßigende Kraft über schlechte Einflüsse betrachtet, denn jede Notlage läßt sich mit der Liebe leichter ertragen.

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