Stärke – Tarotkarte Nr 11 . Bedeutung

Manuel G | 13. April 2021

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In der christlichen Gesellschaft gelten die Frauen offiziell als schwaches Geschlecht, und deshalb weist im Tarot die weibliche >Stärke< eindeutig auf heidnische und tantrische Einflüsse hin. Fast alle klassischen und alle tantrischen Götter waren ohne ihre weiblichen Shaktis, die als deren Stärke oder Kraft bezeichnet wurden, hilflos. Diese Vorstellung implizierte, daß die Macht der mana, der »magischen Wirkungskraft«, ganz allein dem Ewig Weiblichen gehörte.

Auch die arischen Götter Nordeuropas wurden durch die Verbindung mit dem Weiblichen stark gemacht. Einer der mächtigsten war Thor; er war mit der Göttin Thrud verheiratet, deren Name Stärke bedeutete. Sie besaß das Land, auf dem er lebte und es wurde als Thrudvangar, als »Thruds Feld« bezeichnet. Der deutsche Frauenname Trude stammt natürlich auch von ihrem Namen ab. Sie scheint die unwiderstehliche Macht der Erde repräsentiert zu haben. Ein Held, der versuchte, sie von Thor zu stehlen, wurde besiegt, indem er - so wie der Riese Antaios im griechischen Mythos - den Gegner die Erde nicht mehr berühren ließ.

Viele andere Vorstellungen über die Göttin Erde waren mit der Idee der Stärke und mit dem Symbol eines Löwen assoziiert, wie dies auch bei der Stärke im Tarot geschieht. In Ägypten, Phrygien, Kanaan, Babylonien, Phönizien und Libyen zähmte die Große Mutter Löwen, ritt auf ihnen oder verwandelte sich während ihrer zerstörerischen Phase in eine Löwin. In einer ihrer zahllosen Inkarnationen war sie die Amazonenkönigin Kyrene, Gründerin der Stadt gleichen Namens. Sie tauchte im griechischen Mythos als Nymphe auf, die mit Löwen kämpfen und diese besiegen konnte. Natürlich war sie nicht wirklich eine Nymphe, sondern eine irdische Inkarnation der Göttin; ihr Name bedeutete »Höchste Königin«. Diese griechische Geschichte hat wahrscheinlich ihre Grundlage in einer Ikone, auf der die Göttin gerade einen Löwen zähmt. Sowohl die Griechen als auch die Phönizier kannten sie als die Göttin Athene, Ath-enna, Anatha, Anat oder Neith: »Stärke des Lebens«. Während der Zeit Ramses II. stilisierten die Ägypter sie zur »Königin des Himmels und Herrin aller Götter.«

Die Karte >Stärke< trug manchmal auch einen der ägyptischen Namen der Göttin: Neith. Dieser Name kann eine Ableitung aus dem sehr alten Sanskritnamen der Göttin gewesen sein: Kala-Nath, der Urschlund; in dieser Tarnung verschlang sie ihre eigenen Geburten. In den Ras-Shamra-Texten wird sie als grimmige Anath oder Anat beschrieben, die Hekatomben von Menschenopfern in ihren Tempeln verschlang: »Gewaltsam zerreißt sie die Opfer und freut sich hämisch darüber, Anat schlägt sie nieder und starrt sie an; ihre Leber schwillt vor Fröhlichkeit an, denn sie watet mit ihren Knien im Blut der Kämpfer und suhlt ihre Lenden in deren geronnenem Blut, solange, bis sie genug vom Schlachten, vom Zerreißen hat.«  Und doch war diese grimmige Menschenfresserin die Mutter der Nationen, »Mutter aller Götter, die sie gebar, bevor überhaupt Kinder geboren wurden«; in Ägypten war die »die Kuh, die den Ra gebar.« In semitischen Texten wird sie die »jungfräuliche Tochter Palästinas« und die in »Zion weilende Jungfrau Weisheit« genannt. Ihr Tempel Beth-Anath wird im 19.Kapitel Joshuas erwähnt.

In der Bibel taucht sie auch als die Mutter von Shamgar auf (Buch der Richter 3,31) und als Asenath (Isis-Neith) der Stadt Aun, die von den Hebräern On und von den Griechen Heliopolis genannt wurde. Spätere jüdische Autoren vermenschlichten sie zu einer »Priester- Tochter«, um ihr historisches Auftreten im fünften Jahrhundert v.Chr. als Königin des Himmels und Gemahlin Jahwes zu vertuschen. Im Neuen Testament (l.Kor. 16,22) werden ihre semitischen Namen als Todesfluch bezeichnet: Anathema Mar-Anatha oder »Fluch der Mari- Anath«.

Unter ihrem libyschen Namen Athene Gorgo, »die Grimmige«, repräsentierte sie gleichfalls den Todesfluch. Ihre Inschrift im Tempel zu Sais besagt: »Kein Sterblicher hat je den Schleier gelüftet, der mich bedeckt«, denn ihr Schleier verhüllte das furchterregende Gorgonenantlitz, das jeden Menschen zu Stein erstarren ließ. Dies ist wahrscheinlich ein Bezug auf Grabbilder, denn die Weltmutter wurde in ihrem Greisinnenaspekt zur Mutter des Todes. Überall in der antiken Welt war es üblich, den feierlichen Todesfluch der Greisin über jedem zu opferndem Wesen vor dessen zeremonieller Tötung zu sprechen.

Die Gor gone hatte auch den Namen Medusa, ein mit Metis - der griechischen Mutter Athenes - verwandter Name. Aber in Wirklichkeit bezeichneten alle Namen die gleiche Göttin. Sowohl Medusa als auch Metis bedeutete »weibliche Weisheit« und steht in Verbindung mit dem Sanskritbegriff Medha, die Weisheit Kalis. Athene trug auf ihrerÄgisdas Gorgonenantlitz; und obwohl die klassischen Dichter vorgaben, sie sei aus dem Haupte des Zeus geboren, deuten ältere Mythen doch darauf hin, daß sie von der libyischen Tritonis (Drei Königinen), einem Schrein der dreifachen Göttin, abstammt. Für die Ägypter war Athene nur ein anderer Name für die Neith, und sie glaubten, dieser Name stehe für eine, die sich selbst gebar.

In Hinblick auf die folgenden Karten erscheint es sinnvoll, daß die zweite Dekade der Tarottrümpfe von einer grimmigen Göttin, die sowohl Stärke als auch Tod an Platz 11 dieser Reihe darstellt, angeführt wird. Danach findet ein symbolisches Opfer statt (’Der Gehängte’), welchem die Karte >Der Tod< und eine Reise in die Unterwelt folgt; danach kommen die Karten der Auferstehung und Unsterblichkeit. Dieses Tod-und-Verwandlungsthema ist in allen Mysterien, seien sie heidnisch oder christlich, vorhanden. Aber im Tarot ist dessen motivierende Kraft weiblich. Die Zahl der Stärke ist auch die traditionelle Zahl des Martyriums - die »elfte Stunde« vor dem Tod; die Auferstehung des Sonnenhelden geschieht beim zwölften Schlag der Uhr.

Der O.T.O (Orden der goldenen Dämmerung) scheint ungerechtfertigterweise die Karte >Stärke< und »Gerechtigkeit vertauscht zu haben, um sie dem kabbalistischen Code des hebräischen Alphabets anzupassen, Die Stärke trug denselben Lemniskatenhut oder Heiligenschein wie der Magier, der den Kreis der kleineren Mysterien anführte. Auf der elften Stufe der Erleuchtung des Narren begann nun mit der >Stärke< die Enthüllung der tieferen Mysterien des Mondkreises. Sie öffnete das Maul des Löwen - womit sie das Symbol des Höllenschlundes als das einer löwenhaften Kreatur in Erinnerung ruft. Solch einem furchterregenden Bild mußte derjenige gegenübertreten, der in die Geheimnisse der Unterwelt eindringen wollte - oder in die der Untergrundreligion, welche die Kirche als Mysterien der Hölle stigmatisierte.

Die Winchester-Bibei aus dem zwölften Jahrhundert zeigt König David in der gleichen Stellung wie die Göttin der Stärke: er öffnet das Maul eines Löwen, aus dem ein neugeborenes Lamm hervorkommt. Das Lamm stellt eine traditionelle Opferfigur dar, die eine spirituelle Wiedergeburt symbolisieren soll, wie es häufig in der Totemfigur von Jesus dargestellt wird. Aber schon Jahrhunderte vor dem Christentum war das Lamm die Totemfigur des Retters Mot im Mittleren Osten, der von Anat, Anatha oder Neith geopfert wurde. Er bezeichnete sich selbsj als das »in Sühne« geopferte Lamm. Er war einer der vielen heidnischen oder gnostischen >Retter<, der seinen Gläubigen Erlösung versprach.

Einige Tarotblätter zeigen die Stärke in einer anderen Gestalt. Anstatt eine Frau darzustellen, die das Maul des Löwen öffnet, wird sie in den Karten Charles VI. oder den Mategna- Karten selbst zu einer Löwen-Frau, die Neiths Löwenmaske trägt und eine Marmorsäule mit ihren Händen zerbricht. Wahrscheinlich beeinflußt von dem patriarchalischen Anspruch, daß Stärke eine männliche Eigenschaft sein müsse, wurde sie in einigen modernen Karten in einen männlichen Herkules oder Samson verwandelt. Aber im großen und ganzen blieb die Symbolik der Karte >Stärke< relativ beständig, obwohl viele ihrer Interpretatoren nicht verstanden, mit was sie es dabei überhaupt zu tun hatten. Heilige Traditionen wurden oftmals nur deswegen erhalten, weil die Abschreiber Angst hatten, diese zu verändern.

 

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